Deutscher Tanzpreis 1999

Uwe Scholz

Uwe Scholz wurde am 31. Dezember 1958 geboren. Er verstarb am 21. November 2004.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Uwe Scholz fand am 6. März 1999 im Aalto Theater Essen statt. Die Laudatorin war Márcia Haydée.

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Die Laudatio

Lieber Uwe, liebes Publikum!

Uwe, ich glaube, Du weißt, ich lebe jetzt auf der Schwäbischen Alb, mit meinem Mann, unserem Hund, Katzen. Das ist wie ein kleines Paradies für mich – am meisten im Winter. Ich sage immer, im Winter ist das mein schwäbisches Sibirien. Es ist so kalt, es hat so viel Schnee – aber das war immer mein Traum. Ich komme aus Brasilien, und es war mein Traum, einmal irgendwo zu leben, wo es sehr, sehr viel Schnee gibt. Deshalb: Mich im Winter wegzukriegen von meinem kleinen Häusle – das ist nicht einfach.

Als mich Uli Roehm anrief, war es Ende Januar, glaube ich. Es hatte viel Schnee. Und er sagte: Marcia, würdest du die Laudatio für Uwe halten? Plötzlich habe ich keinen Schnee mehr gesehen, ich hab’ nur noch gedacht: Uwe? Ja, mach’ ich! Und Uwe, hier ist meine Laudatio für Dich. Es ist mehr ein Liebesbrief als eine Laudatio.

Das erste Mal wurde ich auf Uwe Scholz aufmerksam, als er ein kleines Mozart-Ballett für die Noverre-Gesellschaft choreographierte. Mir gefiel seine ungeheure Musikalität. Mir gefielen seine Schritte, die ganz und gar aus dem klassischen Repertoire stammten, aber auf ganz erfrischende Weise neu gezeigt wurden.

Einen ganz neuen Uwe lernte ich dann bei seiner dritten Arbeit kennen. Das war „Das Urteil des Paris“, und er hatte Richard Cragun und mich für die Hauptrollen ausgesucht. Das war meine erste Zusammenarbeit mit ihm als Tänzerin. Jetzt war es nicht nur die Musikalität, die ich an ihm schon schätzte, es war auch seine Art, mit Tänzern umzugehen. Er redete nie viel, er machte vor, er zeigte die Schritte – und zwar perfekt. Er machte jeden Schritt und jede Geste vor – und das so gut, daß man Mühe hatte, sie ebenso gut wie er hinzubekommen.

Wir Tänzer, wir haben Training gemacht morgens, und wir haben uns warmgehalten, mit Plastik, mit Wolle, so daß wir für Uwe bereit waren. Aber wenn wir einen Schritt nicht verstanden haben... – der Uwe – er hat die ganze Zeit gesessen – er steht auf, Schuhe weg, Musik, und er macht genau, was er wollte, aber total perfekt. Das habe ich nie kapiert, wie Du das gemacht hast, Uwe! Dafür habe ich Dich immer bewundert.

Noch einen neuen Uwe lernte ich kennen, als Maurice Béjart bei uns in Stuttgart „Gaîté Parisienne“ einstudierte. Klar war, daß der Bim von Mark McClain getanzt wurde, daß ich Madame machen würde – aber wer den Offenbach? Maurice sagte: „Es gibt nur einen. Uwe!“ Und es war wunderbar zu beobachten, wie von diesem Moment an Uwe ganz und gar nur noch Tänzer war in der Hand des Choreographen.

Es war mir klar, in welch einer schwierigen Situation er sich befunden haben muß: Am gleichen Abend hatte auch sein Poulenc-Ballett „Variation –1“ seine Uraufführung. Den einen Teil des Abends bestritt er als Choreograph, den anderen in einer Rolle, für die ihn der große Béjart persönlich ausgewählt hatte. Uwe enttäuschte in keiner seiner beiden Aufgaben: „Variation –1“ war ein riesiger Erfolg, und beim Offenbach setzte er Maßstäbe, die für alle folgenden Besetzungen nur schwer oder überhaupt nicht zu erreichen waren. Mit diesem Programm und mit dieser Besetzung gastierten wir in Wien, Brüssel, München und wer weiß noch wo.

Uwe ließ sich nie wieder zu einer Tanzrolle überreden, zumindest ist mir nicht davon bekannt – es muß wohl an Maurice gelegen haben... Und mit „Variation“, erinnerst Du Dich?, haben wir immer Kämpfe gehabt, denn das war eines meiner Lieblingsballette, und ich wollte es immer zeigen – aber der Uwe? Nach drei Monaten hat er gesagt: „Marcia, das ist altmodisch! Nein, das kannst du nicht mehr zeigen!“ Das sind die Choreographen! Die kreieren heute, und morgen finden sie es schon altmodisch, was sie heute kreiert haben. Das war dann immer der Kampf zwischen uns beiden. Ich nehme das Stück, er sagt Nein, ich nehme, er sagt Nein – aber ich habe fast immer gewonnen, nicht wahr, Uwe?

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Uwe längst zum Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts ernannt. Die Tänzer liebten ihn. In seinen Proben konnte man gute Laune, Hingabe und Freundschaft mit der Luft einatmen. Er machte wunderschöne Ballette für uns, die wir auch auf viele Tourneen durch Japan und Südamerika mitnehmen konnten.

Als Choreograph hat er außer seiner unbestreitbaren Begabung auch noch einen ausgesprochenen Sinn für’s Praktische. Wenn ich Uwe ankündigte, daß ich sein nächstes Stück gerne auf die oder die Gastspielreise mitnehmen möchte und daher das Bühnenbild keine Riesenausmaße haben sollte, dann wurde es genau so, wie ich es mir gewünscht hatte.

Meist arbeitete er in dieser Zeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Rosalie zusammen. Es war wunderbar, zu beobachten, wie die beiden wie Verschwörer ihre Geheimnisse behielten und erst im allerletzten Moment die Decke weggerissen wurde. Dann kam immer etwas Erstaunliches heraus. Ich erinnere mich an einen Bach/Pergolesi/Strawinsky-Abend, an dem auch dem letzten klar geworden sein muß, dieser Uwe Scholz hat eine Handschrift, eine ganz und gar eigene. Er prägt den Musiken, die man kennt, seinen unverkennbaren choreographischen Stempel auf.

Aber alles, was gut ist, hat auch ein Ende. Da kam der Tag, an dem Du in das Büro gekommen bist, und Du hast mir gesagt: Marcia, ich habe ein Angebot, als Direktor nach Zürich zu gehen. In meinem Inneren wußte ich, das wäre das Beste für ihn, doch ich wollte das überhaupt nicht akzeptieren.

Aber der bittere Tag kam. Wir haben fast jeden Tag darüber gesprochen und überlegt, ist es richtig oder nicht richtig, was sollst Du machen – und ich wollte eigentlich nicht, daß Du weggehst. Aber es war in Winterthur. Wir gastierten dort mit „Onegin“. Ich war schon im Tatjana-Kostüm, und er trat mit einem riesigen roten Roßenstrauß auf mich zu und sagte mir, daß er heute morgen in Zürich unterschrieben habe. Es hat furchtbar geschmerzt. Ich machte die gleichen Fehler wie alle Mütter, die glauben, es sei noch viel zu früh für ihr Kind, hinaus in die Welt zu gehen.

Aber Uwe hatte Recht, daß er nach Zürich ging. Hier lernte er, was es heißt, ein Direktor zu sein – und vor allem, wie man einer wird. Zürich war seine Universität. Durch die Zusammenarbeit mit vielen ausgezeichneten Helfern – ein paar Tänzer hatte er sich aus Stuttgart mitgenommen – baute er eine glänzende Kompanie auf und schuf ein bedeutendes Repertoire. Ich weiß, was es heißt, mit der Doppelbelastung, Tänzerin und Direktorin zu sein, zu leben. Deshalb habe ich den allergrößten Respekt vor denen, die Choreographen und Direktoren sind.

In Zürich waren es dann sechs „Universitäts“-Jahre, die ihn weiterkommen ließen, wo er sich allen Richtungen des Balletts hingab: dem symphonischen Ballett, den großen Musikstücken, dem Handlungsballett, den großen Klassikern, dem kleinen, einaktigen Handlungsballett. Dies aber wohlgemerkt alles mit seinem choreographischen Stempel. Unter hunderten würde ich ein Scholz-Ballett herausfinden – oder anders gesagt: nach zwei Minuten würde ich eine Scholz-Choreographie erkannt haben.

Damals habe ich Dich eingeladen als Choreograph nach Stuttgart, und Du hast für uns gemacht, was für mich eines von Deinen Meisterwerken ist: Beethovens siebte Sinfonie. Ich habe fast jede Vorstellung gesehen, Uwe, und es hat mir so viel gegeben, dieses Stück zu sehen. Wie Du Musik und Choreographie zusammengebracht hast, das war wirklich ein Traum. Und die Tänzer – die waren immer glücklich, wenn sie den Beethoven getanzt haben.

In Zürich blieb er sechs Jahre. Nicht ohne Grund sagt man, wenn man sechs Jahre irgendwo gewesen ist, dann geht man, oder man bleibt für Ewigkeiten. Und dann ging er – nach Leipzig. Das habe ich immer bei Dir bewundert, Uwe: Du hast keine Angst vor dem Risiko. Du warst in Stuttgart, da war es ein Risiko, nach Zürich zu gehen. In Zürich sagst Du nach sechs Jahren, als Du schon alles gehabt hast: Jetzt muß ich ‘was anderes machen, nach Leipzig! Das ist eine Begabung, die nicht jeder hat. Aber die Menschen, die keine Lust haben, ein Risiko einzugehen, die verpassen sehr viel im Leben. Leipzig hat dann gezeigt, daß Du wieder die richtige Entscheidung getroffen hattest. Jeder Intendant sollte glücklich sein, Dich als Ballettdirektor zu haben.

Lassen Sie es mich gestehen: Ich bin unglaublich stolz darauf, daß Uwe Scholz seine ersten Schritte in Stuttgart machte, daß er dort so viel in sich aufnehmen konnte, so viel sehen und lernen konnte, soviel Freude und Ärger erleben durfte, daß es ihn stark genug machte, draußen in der Welt nicht unterzugehen. Irgendetwas scheint an diesem Stuttgart dran zu sein. Zumindest scheint es eine ausgezeichnete Pflegestätte für junge Choreographen zu sein.

Da war ein Fall mit Nurejew. Nurejew wollte ein Ballett von Uwe Scholz. Ich habe gefragt: „Was hast du von Uwe Scholz gesehen?“ Er hat gesagt: „Überhaupt nichts. Er kommt aus Stuttgart. Er muß gut sein.“

Mein lieber Uwe, Du hast diesen Deutschen Tanzpreis verdient, und ich gratuliere Dir von ganzem Herzen! Ich habe aber auch eine Bitte an Dich. Das ist eine persönliche Bitte an Dich und an alle, die heute hier sind, Choreographen, Direktoren, Intendanten, Politiker: Ihr dürft nicht vergessen, der nächsten Generation von Choreographen zu helfen! Was wäre unsere Welt ohne Choreographen!

Ich kann nur immer wieder auf Stuttgart zeigen mit seiner Noverre-Gesellschaft und Fritz Höver – er gibt die Chance zu choreographieren. John Cranko hat Choreographen weiterentwickelt, ich habe es weitergeführt, und Reid Anderson hat heute in seiner Kompanie, nach zwei Jahren als Direktor in Stuttgart, schon zwei Choreographen – Christian Spuck und Jean-Christophe Blavier. Choreographen können sich nur entwickeln und Choreographen werden, wenn sie Tänzer haben, wenn sie eine Kompanie haben – allein können sie nichts machen. Deshalb bitte ich Dich, Uwe: Du bist jetzt Direktor und Choreograph. Vergiß nicht die nächste Generation! Damit wir noch viele Jahre haben können mit Dir, und daß alle lernen können von den schönen Stunden, die Du uns gibst. Danke!