Deutscher Tanzpreis 1996

 

Tom Schilling

Tom Schilling wurde am 23. Januar 1928 geboren.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Tom Schilling fand am 2. März 1996 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Marion Kant.

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Die Laudatio

Sehr verehrte Damen, sehr verehrte Herren,

dies ist die 13. Verleihung des Deutschen Tanzpreises. Den Preis erhält Tom Schilling. Er ist der erste Choreograph aus östlichen Gefilden, der mit dieser Auszeichnung beehrt wird. Mußdies als etwas besonderes vermerkt werden, oder handelt es sich um eine Selbstverständlichkeit, inzwischen um eine Selbstverständlichkeit?

Das „inzwischen“ umfaßt einige wenige Jahre, in denen allerdings viel geschehen ist. Lassen wir diese Frage einfach offen, lassen wir offen, ob es sich um einen symbolischen Akt handelt, um eine künstlerische oder politische Demonstration, um eine Wertung oder um eine Verbindung beider. Und freuen wir uns um so mehr über die Wahl, die getroffen wurde.

Ist die Zahl 13 ein Omen? Schließlich handelt es sich bei dieser Zahl entweder um eine Katastrophen verheißende Unglückszahl oder um eine ganz außerordentliche Glückszahl. Wie die Bewertung ausfällt, hängt von der metaphysischen Verfassung des Beurteilers ab.

In einem der bekanntesten europäischen Märchen, dem „Dornröschen“, gibt es eine 13. (im Ballett ist es die 7.) Fee, die in der Geschichte allerhand anrichtet. Nur durch eine gerade noch vorhandene, eher übriggebliebene gute Fee konnte das Schlimmste verhindert werden. Aber was heißt hier das Schlimmste: Ohne böse Fee wäre Dornröschen schließlich nicht zu ihrem Prinzen gekommen. Wie langweilig wäre also dieses Märchen, wie langweilig wären alle Märchen, ohne böse Fee.

Schillings „Dornröschen“, das Tschaikowski-Ballett von 1963 – heute nicht 13, sondern 33 Jahre alt – versuchte, einen zeitgenössischen Ton ins Spiel zu bringen, versuchte, eine moderne böse Fee, ein Biest eher, zu zeigen.

Um bei der Zahl 13 zu verweilen: Vor 13 Jahren, im Jahre 1983, schuf Schilling seine „Wahlverwandtschaften“, ein Ballett nach Goethes Roman, mit Schubertscher Kammermusik versehen. Dieses Ballett, das die Kraft der Gefühle und die daraus entstehenden Anziehungen, die Wahlverwandtschaften, nachempfindet, folgt der Erzählung Goethes weitgehend. Dieses wunderbar geglückte Werk, das so fein, berührend und einfühlsam die Stimmungen zwischen Ottilie, Charlotte, Eduard und dem Hauptmann wiedergibt und widerspiegelt, wird heute abend gezeigt werden.

Es ist wohl ein Roman, der den meisten Menschen in der einen oder anderen Art und Weise bekannt sein wird. Wenigstens das Problem, die Verbindung von Menschen in Zuneigung, Angst und Abweisung, das Erkennen und Verstehen, das Herstellen von Verhältnissen, haben viele aus dem Leben oder durch das Lesen erfahren.

„Der Haß ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr“ („Wahlverwandtschaften“). Wer wüßte das wohl nicht? In einer Zeit, „wo Elefanten und Tiger in so gut wie jedem Land zu Hause sind, wandelt niemand ungestraft unter Palmen und die Gesinnungen ändern sich“ („Wahlverwandtschaften“).

Goethe-Ballette gibt es eigentlich überraschend wenige, zumindest war den wenigsten ein längerer Erfolg beschieden. Vielleicht können sich Schillings „Wahlverwandtschaften“ irgendwo zwischen Fokins „Zauberlehrling“ und Walt Disneys Mickey-Mouse-„Zauberlehrling“-Variante behaupten. Aber ich weiß natürlich, daß dieser Wunsch etwas von der Gabe einer 13. Fee – oder welcher Nummer auch immer – hat.

Den „Wahlverwandtschaften“ seelenverwandt ist ein anderes Schilling-Ballett, die „Abendlichen Tänze“ nach Schubert-Streichquartetten. Das Thema entlehnte Schilling dem Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ von Matthias Claudius. Schuberts Quartett erhielt ja den gleichen Namen.

Die „Abendlichen Tänze“ sind übrigens 1979, zwei mal 13 Jahre nach Schillings erstem Ballett entstanden. Diese erste große Ballettinszenierung hieß „Gajaneh“ und war tatsächlich ein Stück, das aus dem östlichen Osten, nämlich der Sowjetunion, kam. Auch dies jedoch ein Ballett über die Liebe und die Stärke des Menschen und sein Vertrauen zu sich und anderen. Ein zeitgenössisches Märchen sozusagen, ein leider surrealer sozialistischer Traum davon, wie eine Welt besser, einfach besser werde durch den verbesserten, veredelten Menschen.

Die beiden Stücke zu Schubert-Musik, die „Wahlverwandtschaften“ und die „Abendlichen Tänze“, sind sicherlich die schönsten, die poetischsten und anrührendsten, die Schilling geschaffen hat. Obwohl sie nicht die einzigen dieser Art sind – vergessen wir nicht die zauberische „Undine“ nach Hans Werner Henze, die vor zwei mal 13 Jahren, 1970, entstand. Auch Undine, die Nixe, die sich nach der menschlichen Liebe sehnt, sie erfährt, verraten wird und an ihr vergeht, ist eine Verwandte von Ottilie oder dem Mädchen in den „Abendlichen Tänzen“.

Sie sind alle – sozusagen – von der Flieder-Fee aus „Dornröschen“ komponiert worden. Sie sind nicht leicht und heiter, sondern melancholisch und nachdenklich. Sie zeigen die sanfte Gewalt, in die menschliche Schicksale geraten. „Sanfte Gewalt“ sage ich, weil Schilling nie vordergründig oder gar gewalttätig demonstrieren oder überzeugen wollte.

1991 schloß Schilling seine Laufbahn als Künstler ab. Seine letzte Produktion in diesem 7 mal 13er Jahr seiner Choreographenlaufbahn war das „Aschenbrödel“, das er insgesamt dreimal auf die Bühne brachte. Und hier dominierte wieder der freundliche und frohgestimmte Ton. Dies war ein Märchen wieder, wie „Dornröschen“ eines, in dem alles gut wird, nach einigen Prüfungen versteht sich. Aber so gut und so richtig, wie es eben nur im Märchen und niemals im Leben sein kann. So wie er mit einem russischen Stück, der „Gajaneh“, begonnen hatte, so endete er mit einem russischen Stück. Denn „Aschenbrödel“ nach Prokofjew hat viel von der märchenhaften Unwahrscheinlichkeit, die so überzeugend ist und den humanistischen Gedanken des Guten im Menschen so glaubhaft und wunderbar zugleich zeigen kann.

Als roter Faden – auch dies eine Metapher aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ – als roter Faden also, der etwas unauflöslich oder zumindest sinnvoll miteinander verbindet, zog sich eine Abfolge der Zahl 13 durch das Grußwort. Dies läuft natürlich insofern gegen jeden Theateralltag und jeden Theaterabend, als der Aberglaube gerade im Theater sehr groß ist. Eine Premiere an einem 13. Tag wird es wohl kaum geben. Aber zu dieser 13. Preisverleihung gibt es doch ein Sich-Erinnern und ein Prüfen. Eine Wiederbegegnung vielleicht oder gar eine Neubegegnung mit einem Kunstwerk, das wert ist aufgehoben zu werden.

„Die Zeit rückt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen, Vorurteile und Liebhabereien“, heißt es in den „Wahlverwandtschaften“. Ja, durchaus. Und da soll sich der Gedankenkreis schließen. Das „inzwischen“ des Anfangs soll zurückgerufen werden, in dem sich viel an Veränderung und Fortrücken ergab. Zum Vorteil, zum Nachteil – wer weiß. In diesem hier besprochenen Falle sollte die Kunst als Teil eines Ganzen anerkannt und gewürdigt werden.

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Tänze – aber manchmal erhält er einen Preis. Herzlichen Glückwunsch – Tom Schilling!