Deutscher Tanzpreis 1995

Pina Bausch
Pina Bausch wurde am 27. Juli 1940 geboren.
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Pina Bausch fand am 4. Februar 1995 im Grillo Theater Essen statt. Der Laudator war Marc Jonkers.
Die Laudatio
Liebe Pina, sehr geehrte Damen und Herren,
ich stehe heute Abend in einem glücklichen, aber gleichzeitig schwierigen Moment meines Lebens. Glücklich, weil ich gefragt wurde, eine Frau zu ehren, die ich persönlich sehr gerne mag und die ich bewundere, weil sie mich schon seit zwanzig Jahren bezaubert mit ihren Inszenierungen von innerlich bewegten Menschen. Schwierig, weil ich dieses in Worten tun muß, Worte, die nicht ausreichen, die Bedeutung von Pina Bausch und ihrer Arbeit zu erklären. Eigentlich sind die mehr als 35 Werke, womit sie seit 1967 die Welt bereichert hat, die beste Laudatio! Aber ein Abend wie dieser ist, obwohl ich es anders gewünscht habe, eingerichtet nach den erwarteten sozialen Ritualen, die zu einer Ehrung gehören.
Ich habe mich sowieso gewundert, warum gerade ich gefragt worden bin, hier vor Ihnen zu stehen. Ich bin sicherlich kein guter Redner oder Schriftsteller. Über die Arbeit von Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal ist schon viel und gutes publiziert worden. Es gibt Leute, die einen großen Namen als Autoren haben und sicherlich besser über die Arbeit von Pina Bausch sprechen können: Raimund Hoghe, der jahrelang als Dramaturg dem Wuppertaler Ensemble verbunden war; Norbert Servos, der schon seit den siebziger Jahren als junger Diplomierter das Werk von Pina Bausch verfolgt und beschrieben hat; Jochen Schmidt, der als Kritiker von Anfang an ein Fürsprecher des Bausch-Oeuvres war... Ich werde diese Autoren von maßgebendem Einfluß später gerne zitieren. Nicht zu vergessen sind einige herausragende „Bildautoren“ wie Ulli Weiss, Detlef Erler und Gert Weigelt.
Warum also ich? Vielleicht, weil ich seit kurzer Zeit, als Direktor des Tanztheaters der Komischen Oper Berlin, zur deutschen Tanzlandschaft gehöre. Aber in dieser neuen Position muß ich mich noch beweisen. Vielleicht eher schon, weil ich in den vergangenen Jahren versucht habe, beim Spring Dance Festival, Holland Festival und Holland Dance Festival ein guter Gastgeber zu sein für das Tanztheater Wuppertal, das Folkwang-Tanzstudio und die Tanzabteilung der Folkwang-Hochschule. Aber darin bin ich einer von vielen.
Stellvertretend für die vielen also möchte ich hier heute Abend die internationale Theaterwelt vertreten, von Kalkutta bis New York, von Stockholm bis Sydney, von Tokio bis Rio de Janeiro, von Moskau bis Jerusalem, um eine Frau zu ehren, die dem Theater, und noch stärker dem Tanz weltweit ein neues Aus- und Ansehen gegeben hat. Schockiert haben mich Pinas Arbeiten persönlich niemals. Sie haben mich eher angeregt und ständig neugierig gemacht. Seit unserer ersten Begegnung mit „Komm, tanz mit mir“ im Stadttheater Rotterdam hat sie mich fasziniert, obwohl ich nach dieser ersten Begegnung neben Anregung auch von starken Gefühlen von Verwirrung und Zweifel benommen war.
Dann gab es das Holland Festival im Juni 1982 im Theater Carré in Amsterdam. Das Tanztheater Wuppertal gastierte mit „Das Frühlingsopfer“, musikalisch begleitet vom Concertgebouw-Orchester unter der Leitung von Michael Tilson-Thomas. Eine eindringliche und verblüffende Erfahrung, eine Darstellung von Musik und Tanz, die zu einem überrumpelnden Resultat führte. Zwanzig Minuten dauerte der Applaus, der Tänzer und Musiker gemeinsam feierte. In den Niederlanden entstand ein neuer Begriff: „Topkunst“.
Als ich an einem der nächsten Abende wieder ins Theater Carré ging, konnte ich mir kaum vorstellen, daß „Café Müller“ die Erfahrung noch übertreffen konnte. An diesem Abend jedoch erlebte ich etwas, das mir mein Leben lang unvergeßlich bleiben wird: das desolate Bild der schmächtigen Gestalt einer blinden Frau im weißen Kleid, unsicher, mit dem Rücken an die linke Seitenwand geklebt. Dann schlurfte sie vorsichtig in den mit Caféhausstühlen und -tischen überfüllten, kalten Raum hinein – nach vorne, nach der Seite, rückwärts. Diese kleine blinde Frau konnte ungehindert ihren Weg gehen, da ein Mann gewissenhaft jeder ihrer Bewegungen folgte, ihr jedesmal, da sie auf die räumlichen Hindernisse zu stoßen drohte, rasend schnell die Möbel aus dem Weg räumte, ihr damit den Weg freimachte, so daß sie unbehindert ihren blinden Tanz tanzen konnte. Er ermöglichte für sie das Unmögliche: frei zu gehen. Ich konnte kaum noch atmen, so griff mich dieses eindringend spannende Spiel der zwei Menschen an. Diese Erfahrung hat sich tief in mich eingegraben, und jedesmal, wenn ich wieder daran denke, bildet sich in meiner Phantasie eine neue Geschichte über diese Frau. Dieser Tanz von Pina Bausch findet bei mir also kein Ende. Seitdem wollte ich alle ihre Werke erfahren.
Sie hat eine neue Tanzsprache kreiert, die nur noch entfernt an das erinnerte, was ich über meine Kunstsparte schon wußte. Die Vorstellungen des Wuppertaler Tanztheaters erfordern eine wirkliche Teilnahme des Publikums, das seine eigenen Erfahrungen ständig aktiv in die Tanzhandlung einbringt. Denn die Stücke erzählen davon, was Menschen wirklich bewegt. Wichtigste Entdeckung war: Tanz kann sich auf lebendige Menschen beziehen, auf Menschen von Fleisch und Blut.
Raimund Hoghe sagte über ihre Motive: „Ausgangspunkt: der Mensch, der einzelne und seine Geschichte, die plötzlich als eine Geschichte vieler zu erkennen ist. Ein Mensch kann eine Welt sein. Die Welt spiegelt sich im Menschen. Verbindungen werden sichtbar. Grenzen verschwinden. In einem der Stücke läßt sich eine Tänzerin eine menschenleere Landschaft auf den Leib projizieren. Die Landschaft wird Teil des Körpers, der Körper ist eine Landschaft – verletzbar, offen, gezeichnet von Spuren, die ohne Worte Geschichte erzählen, von eigener und fremder Geschichte sprechen.“(1) Norbert Servos beschreibt jedes Stück als „eine Entdeckungsreise, die darauf vertraut, daß in jedem Körper eine Fülle von Verhaltensweisen, von Hoffnungen und Sehnsüchten, von Ängsten und Lüsten, nicht zuletzt von möglichen Lösungen aufbewahrt ist“. Und: „Pina Bauschs Arbeitsweise nutzt das in jedem Körper aufgehobene Wissen und bringt es zum Leuchten.“(2)
Dabei ist es ein wichtiges Verdienst, dieser Sprache weltweit Anerkennung verschafft zu haben. Pina Bausch hat eine allgemeine, tatsächlich inter-nationale Sprache entwickelt, die sich auf den bewegten Menschen bezieht. Die Tänzer der zwei Kompanien in Wuppertal und Essen und die Tanzstudenten der Folwangschule sind auch dafür lebendige Zeugen. Sie hat eine Art Welttheater erfunden, in dem die Hoffnung, das Glück zu verwirklichen, nie aufgegeben wird. Ich zitiere Norbert Servos:
„Es erscheint wie ein Versprechen auf ein einfaches Glück, ein Aufgehen in der Welt, das in die Kindheit zurückreicht. Mit dem Erwachen des Bewußtseins, der Ich- und Selbstbilder ist es verlorengegangen. Jeder hat sich in die Kämpfe mit der Welt, in die Rivalitäten und Konkurrenzen, in die Eifersüchte und Hemmungen, Ängste und Nöte verstrickt. Das ursprüngliche Glück, ganz und ohne Rest in der Welt zu sein, muß erst wieder erinnert, vor allem aber muß es neu geschaffen werden. Denn in die Vergangenheit führt kein Weg zurück. Insofern aber sind die Stücke der Pina Bausch keineswegs nostalgisch. Sie beschwören nicht vermeintlich bessere vergangene Zeiten, verlieren sich nicht in sentimentaler Erinnerung. Sie wissen, daß die Aussöhnung immer neu geschaffen werden muß, daß sie einem nicht leicht zufällt, sondern mit allen Kräften gewonnen werden will. Aus der Erinnerung beziehen sie lediglich die Gewißheit, daß ein Weg zu Verständigung und Nähe, zu Liebe und Geborgenheit möglich ist. Das befeuert sie, in ihrem Elan nicht nachzulassen, in unermüdlichen Anläufen von Versuch und Irrtum, das, was sie vorfinden, nach Möglichkeiten abzuklopfen. Realistisch sind die Stücke des Wuppertaler Tanztheaters, weil sie keine Idealbilder verfolgen. Anders als das traditionelle klassische Ballett, das versucht hat, Träume zu inszenieren, hält das Tanztheater sich an das, was jeden in seinem tiefsten Grund bewegt. Es destilliert die verlorenen Wünsche aus der Realität und gibt sie an diese zurück. Es entwirft keine Utopie vermeintlich schwereloser Körper; das Ziel aller Wünsche und Sehnsüchte deckt sich immer im Naheliegenden auf.“(2)
Und die Tänzer dieses Tanztheaters „bezeugen, daß man ein Theater machen kann, in dem der einzelne wichtig ist, in dem jeder zählt; unverwechselbar, mit eigenem Gesicht und eigener Stimme. Mit Mut und Ausdauer haben die Mitstreiter der Pina Bausch ein Theater ermöglicht, wie es idealerweise sein soll: als ein Ort, an dem die menschlichen Belange immer wieder neu verhandelt werden. An dem probiert, geforscht, nicht im vorhinein gewußt und routiniert abgehandelt wird. An dem der Tanz Modelle entwickelt für eine mögliche Verständigung und ein handhabbares Zusammenleben. Ein Zusammenleben, das verschiedene Mentalitäten und Temperamente zulassen kann, das Respekt bezeugt vor der Individualität des einzelnen“.(3)
Obwohl sie mittlerweile fast weltweit erfolgreich ist, zahlreiche Nachfolger und Epigonen hat, reagiert die öffentliche Kritik auf das Werk von Pina Bausch teilweise noch immer sehr scharf, besonders hier in Deutschland. Weit verbreitet ist der Vorwurf, daß ihre Arbeit mit Tanz wenig zu tun habe, mehr dem Schauspiel zugehörig sei. Natürlich, ihre Stücke konfrontieren das Publikum mit ausgeprägten Fragen über die Facetten der Existenz. Es scheint schwierig zu sein zu verstehen, wie Pina Bausch, obwohl sie in ihren Stücken eine Vielfalt von Texten benutzt, uns dennoch zurückführt in das Wesen des Tanzes. Das fängt dort an, wo der Mensch in seinem Drang, das Leben zu fassen, nach dem einzigen Mittel greift, das ihm bleibt, wenn alles andere versagt: die Aussage seines Körpers – sein völlig Eigenes, der Körper als seine erste und letzte Hoffnung. Sie komponiert ihre Werke rein musikalisch, mit einem Reichtum musikalischer Themen und Farben. Das ist, so glaube ich, gerade das Wesen ihrer kreativen Genialität: die gleichen Themen immer wieder so zu variieren, daß es scheint, als hörten wir jedesmal eine neue Sinfonie. Doch wer für diese Musik keine empfindsame Seite hat, wird sie nicht genießen können.
Meine Damen und Herren, wir ehren heute die wichtigste Botschafterin der deutschen Kultur in allen Teilen der Welt. Wir ehren eine Persönlichkeit, die den Tanz neu entdeckt und die Tanzsprache mit einem neuen Idiom bereichert hat. Wir feiern, um es mit Jochen Schmidt zu sagen, „die Mutter Courage des neuen Tanzes“.(1) Zu recht!
Nun könnten wir uns für einen kurzen Moment in unseren komfortablen Sesseln zurücklehnen, aber nicht für lange. Denn die Arbeit von Pina Bausch setzt Normen für dieses kulturell traditionsreiche und ökonomisch kräftige Land. Es zwingt uns, die deutsche Tanzlandschaft, eine Landschaft mit einer bedeutenden Vergangenheit, auf künstlerische Qualität zu überprüfen. Dieser Auftrag führt hoffentlich dazu, daß nicht länger hauptsächlich das politische Klima und Willkür bestimmen, wie die deutsche Tanzlandschaft auszusehen hat. Es sollten andere, objektivere Methoden und Systeme gefunden werden, die sich einzig aus Qualitätsgründen um die Entwicklung und Neugestaltung der Tanzlandschaft bemühen.
Denn derzeit herrschen Unmaß und Mittelmaß. Das gilt nicht nur für die zahllosen städtischen Bühnen und Staatstheater, wo der Tanz noch immer stiefkindlich zur Dekoration der Macht des vielfach im Tanzbereich unwissenden Intendanten dient. Unmaß und Mittelmaß gelten leider auch für die sogenannte Freie Szene, der es nur selten gelingt, ihre Freiheit in etwas Besseres umzusetzen als in künstlerische Prätention und Ohnmacht. Dazu gesellt sich eine wenig professionelle und auf sich selbst bezogene Tanzkritik in Zeitungen und Zeitschriften mit leider nur wenigen Ausnahmen.
In diesem Land arbeiten viele, die sich zwar „Künstler“ nennen, sich aber als tanzende, singende oder schauspielernde Beamte benehmen. Die hiesige Landschaft schmort zunehmend im eigenen Saft, denn Gastspiele, durch die man herausgefordert wird, seine Erfahrungen zu vergleichen und zu erweitern, gibt es selten auf deutschen Bühnen. Das betrifft nicht nur die internationale Tanzszene, sondern auch die deutschen Kompanien. Zu hause sein und bleiben gehört noch immer zur Eigenschaft des bürgerlichen Kulturbetriebs. Das Tanztheater Wuppertal, aufgetreten in aller Welt, war in den meisten gut ausgestatteten Theatern im reichen Deutschland noch nie zu sehen.
Doch hören wir auf zu klagen. Schauen wir in die Zukunft: Deutschlands einzige Ausbildung für Modernen Tanz an der Folkwang-Hochschule genügt einfach nicht! Es ist eine Blamage der deutschen Kultur, daß an niederländischen Ausbildungsinstitutionen mehr als fünfzig Prozent der Tanzstudenten Deutsche sind, weil es in diesem Land nicht genügend Möglichkeiten für ihre berufliche Ausbildung gibt. Hier liegt eine Aufgabe auch, aber nicht ausschließlich, für den jubilierenden Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik.
Liebe Pina, Du gibst uns jedesmal wieder Hoffnung. Du zwingst uns zu reagieren, unsere „Courage“ zu zeigen und zu tun statt nur zu denken oder zu sagen. Wir als Tanzschaffende sind Dir eine Antwort schuldig. Laut Raimund Hoghe hast Du mal gesagt: „Mit nur Reden kann man nichts anfangen.“ So will ich schweigen.
(1) Zitate aus: „Pina Bausch – Fotografien von Detlef Erler“, Edition Stemmle, Kilchberg/Zürich 1994.
(2) Zitate aus dem Programmheft zum 6. Internationalen Tanzfestival Nordrhein-Westfalen 1994 „Von Isadora zu Pina – 100 Jahre Moderner Tanz“.
(3) Norbert Servos in seiner Laudatio anläßlich der Verleihung des Eduard-von-der-Heydt-Preises 1993 der Stadt Wuppertal an das Ensemble des Tanztheaters Wuppertal.
