Deutscher Tanzpreis 1997

Philippe Braunschweig
Phillippe Braunschweig wurde am 24. August 1928 geboren.
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Philippe Braunschweig fand am 15. Februar 1997 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Frank Anders.
Die Laudatio
Wir schreiben das Jahr 1950. Wir sind in Frankreich an der Côte d’Azur, in Nizza. Es ist einer der letzten Tage im Juni, und obwohl es erst neun Uhr morgens ist, ist es schon warm – 23 Grad. Ein junger Mann joggt entlang der Promenade. Es ist Philippe – Philippe Braunschweig, 22 Jahre alt, gutaussehend, von athletischer Statur. Passanten, die ihn vorbeilaufen sehen, sagen sich, daß dieser Mann es offenbar versteht, seinen Körper zu gebrauchen – und so ist es in der Tat. Schweizer Meister über einhundert und vierhundert Meter wird man nicht am Schreibtisch. Das war harte Arbeit – aber Philippe liebt das, dieses Gefühl, seinen Körper unter Kontrolle zu haben und damit fast alles tun zu können, was er möchte.
Was aber denkt der junge Mann an diesem Morgen, während er die „Promenade des Anglais“ entlangläuft? Wieviel ahnt er davon, daß er heute, 47 Jahre später, den Deutschen Tanzpreis 1997 verliehen bekommt – für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur Kunst des Tanzes, für ein ganzes Leben voll des Engagements für unsere Kunstform? Ich glaube, er ahnt nicht viel davon. Schließlich hat er an diesem herrlichen Morgen auch nicht viel Zeit, an den Deutschen Tanzpreis zu denken. Denn sein Kopf ist voll von wichtigeren Dingen.
Eine Stunde später – glauben Sie’s oder nicht – finden wir ihn in der Ballettklasse von Madame Sedowa wieder ... Na, vielleicht hat er doch etwas vom Deutschen Tanzpreis geahnt! – Im Ernst: Philippe nahm aus einem ganz bestimmten Grund Ballettunterricht. In der Klasse war nämlich Elvire Kremis, eine wunderbare junge Tänzerin aus dem Ballett von Roland Petit in Paris. Die beiden waren sich ein paar Wochen zuvor in Nizza zum ersten Mal begegnet.
Bald darauf finden wir Philippe in einer Tanzklasse im Studio Constante in Paris wieder, diesmal bei Serge Peretti, dem Étoile der Pariser Oper – und so könnte ich fortfahren. Sein Interesse für Ballett und Tanz begann schon in jungen Jahren.
Ich lernte Philippe 37 Jahre später kennen. Das war 1987, als ich zum ersten Mal gebeten wurde, als Jury-Mitglied zum Prix de Lausanne zu kommen. Ich erinnere mich an einen Mann – kraftvoll und energisch, aber auch ein wenig seltsam. Seltsam insofern, als ich nie zuvor jemanden kennengelernt hatte mit einer solch großzügigen Leidenschaft nicht etwa für das, was er mit dem Prix de Lausanne erreicht hatte, sondern für das, was der Prix de Lausanne für andere erreicht.
Hier und heute will ich mich auf drei seiner wichtigsten Beiträge zur Welt des Balletts konzentrieren – nämlich auf seinen Einsatz für den Prix de Lausanne, für das Béjart Ballet Lausanne und für die „International Organisation for the Transition of Professional Dancers“, kurz: IOTPD.
Diese drei Projekte berühren alle Aspekte eines Tänzerlebens – von der frühen Ausbildung über die Weiterentwicklung bis zur Wettbewerbsreife und die Karriere als Tänzer in einer Kompanie bis zu dem Punkt, an dem die zweite Karriere eines Tänzers beginnt. Die drei Projekte unter Philippes Schutz und Aufsicht wurden 1972, 1987 und 1992 gegründet – vor 25 Jahren der Prix de Lausanne, vor zehn Jahren das Béjart Ballet Lausanne und vor fünf Jahren die IOTPD. – Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt!
