Deutscher Tanzpreis 1989

Marcia Haydée

Marcia Haydée wurde am 18. April 1937 geboren.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Marcia Haydée fand am 4. März 1989 im Grillo Theater Essen statt. Der Laudator war Lothar Späth.

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Die Laudatio

Liebe Marcia Haydée,

auf was habe ich mich eingelassen! Als ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre, heute abend die Laudatio zu halten, habe ich begeistert gesagt: „Für Marcia Haydée immer. Gern sogar!“ Ich wußte aber nicht, wie schwer das wird. Es ging eigentlich leicht – bis vor ein paar Tagen. Da habe ich plötzlich festgestellt, daß ich mir ‘was überlegen müßte; und ich habe es gemacht wie alle Politiker: die lassen überlegen.

Als ich heute mittag hier in Essen ankam, da ist mir all das eingefallen, was ich mir hätte früher überlegen müssen: Es wäre eigentlich gut, wenn bei einer so großen Interpretin jemand aus dem Entscheidungsgremium die Entscheidung begründen würde, die ja so leicht zu begründen ist, oder wenigstens ein Kritiker; ich habe mir überlegt, ob ich schnell noch Hartmut Regitz oder Horst Koegler anrufen sollte, ob sie nicht einspringen wollten, oder ob nicht Klaus Geitel der Richtige wäre, heute abend die Laudatio zu halten. Aber zugesagt ist zugesagt. Und deshalb habe ich heute nachmittag als erstes die Vorlage weggeworfen. Ich sage das deshalb, weil alle die, die eine Pressemitteilung haben, ernst nehmen müssen, daß dort steht: „Es gilt das gesprochene Wort.“

Und trotzdem: Es war faszinierend, einfach gezwungen zu sein, jetzt plötzlich selber über Marcia Haydée nachzudenken; auch darüber nachzudenken, was eigentlich typischerweise der Beginn einer solchen Laudatio ist: Man fängt mit dem Lebensweg an, und dann – hat man mir aufgeschrieben – sagen Sie am besten noch ‘was zur Kunstpolitik, dann kann’s nicht schiefgehen...

Mit dem Lebensweg bei Marcia Haydée ist es schon schwierig. Was ist wichtig? Ganz sicher ist wichtig ihr Heimatland. Sicher ist wichtig, daß die junge Brasilianerin zunächst nach London kommt; und sicher ist auch London als Station wichtig. Aber wer Marcia Haydée begreifen will, der muß einfach sagen: Das Wichtigste ist das Jahr 1961 – das Jahr, in dem sie nach Stuttgart kommt und John Cranko begegnet, der den belegten Satz sagt: „Die oder keine.“ Das war der Beginn von dem, was viele das „Stuttgarter Ballettwunder“ nennen – diese Zusammenkunft, dieses Sich-Elektrisierend-Begegnen, um dann sofort geradezu wütend an die Arbeit zu gehen – diese beiden Menschen, diese beiden Künstlerpersönlichkeiten, die so ganz aufeinander eingestellt waren, und dieses großartige Repertoire John Crankos – „Romeo und Julia“, „Schwanensee“, „Onegin“, „Der Widerspenstigen Zähmung“, „Carmen“ -, ein Repertoire, das zuerst kurz Stuttgart gehört hat und dann der ganzen Welt.

Ich denke, ich brauche nicht nachzuzeichnen, wo überall in der Welt diese großartige Ballettkunst gezeigt werden konnte. Ich will aber auch die anderen großen Begabungen nennen, die zu diesem Kreis gehörten und gehören: Birgit Keil, Susanne Hanke, Egon Madsen, Richard Cragun. Eine Laudatio, liebe Marcia Haydée, habe ich heute abend gedacht, war eigentlich das letzte Stück, das Marcia Haydée für Birgit Keil und Ricky Cragun geschaffen hat: „ENAS“. Wer diesem Ballett und seinen beiden Interpreten zugeschaut hat, der hat gespürt, daß das im Grunde die Laudatio war. Es ist einfach nicht möglich, Empfindungen, Größe, Kunstvisionen oder, wenn ich das Zitat von John Neumeier aufgreife, Inspiration zu beschreiben – das kann man nur mit Hilfsworten tun.

Dann gibt es eine zweite Jahreszahl, die entscheidend ist – nur weiß ich nicht, ob ich sagen soll 1973, der Tod John Crankos, oder ob ich sagen soll 1976, das Jahr, in dem Marcia Haydée die Ballettdirektion in Stuttgart übernommen hat. Es war einfach eine unglaubliche Aufgabe für die Primaballerina, gleichzeitig Ballettdirektorin zu sein und das Erbe John Crankos zu bewahren. Wer diese Zeit bis heute kennt, der weiß, daß dieses Erbe bewahrt worden ist. Aber natürlich kam auf die Ballettdirektorin noch eine zweite große Aufgabe zu – nicht nur das Erbe zu bewahren, sondern dem anderes hinzuzufügen, die Kompanie zusammenzuhalten, diese großartige Kompanie weiterzuentwickeln, dem Nachwuchs sich zuzuwenden, neue Talente zu entdecken.

Und es gelang Marcia Haydée zunächst, renommierte Choreographen zu gewinnen: Hans van Manen, Mats Ek, John Neumeier, Maurice Béjart. Sie hat es einfach fertiggebracht, beides zusammenzuführen, das große Erbe John Crankos lebendig zu erhalten und vorsichtig neue Wege für ihr Ballett einzuschlagen. Sie förderte den Nachwuchs, sie entdeckte junge Choreographen, sie half, daß viele Impulse in die europäische Ballettszene gegeben wurden, holte andere nach Stuttgart. Und sie schaffte es, junge Choreographen, junge Tänzerinnen, junge Tänzer aufzuspüren. Wer heute abend die ersten beiden Darbietungen gesehen hat, der kann nur sagen: eine großartige Kompanie, liebe Marcia Haydée, die heute abend ihrer Chefin eine Laudatio dargebracht hat!

Der dritte Zeitabschnitt, der mit dem großen Mut beginnt – mit „Dornröschen“, mit „ENAS“, mit der eigenen großen Choreographie -, ist am besten mit einem Wort zu überschreiben, das niemand so sagen kann wie Marcia Haydée – das Wort, das sie selbst sagt in „Gaîte Parisienne“. Wer einmal dieses Béjart-Ballett gesehen und gehört hat, wie Marcia Haydée dort: „Arbeiten!“ sagt – niemand kann das so sagen wie sie -, der spürt, was sie damit meint: Disziplin, Aufgehen in der Aufgabe, Feuer, Leidenschaft, Erziehungsarbeit – alles gleichzeitig. Und wer erlebt hat, wie sie in den letzten Wochen, kaum daß sie mit irgendwelchen Hilfsmitteln wieder an die Arbeit gehen konnte, für alle da war, und wer heute abend neben ihr saß und sah, wie sie, die alle Bewegungen unnötiger Art vermeiden sollte, mit ihrem Körperrhythmus alle Szenen verfolgte, der weiß, daß hier ein Mensch lebt, atmet mit seiner Kompanie, der leidenschaftlich arbeitet und der es fertiggebracht hat, diese großartige Primaballerina zu sein, gleichzeitig Ballettdirektorin und Choreographin zu werden.

Ich denke in diesem Augenblick auch daran, daß man etwas von ihr gar nicht weiß und auch gar nicht vermutet, daß nämlich diese Ballettdirektorin ein unglaubliches Geschick hat, auch die ganz praktischen äußeren Voraussetzungen für ihre Arbeit zu beeinflussen. Nur Insider wie Wolfgang Gönnenwein und – ich kann sagen: – ich selbst, wissen, wie gnadenlos Marcia Haydée an die praktischen, materiellen Problemlösungen ihres Balletts geht.

Ich hätte dieses Talent gar nicht erwähnt, wenn sie selbst nicht vermutet hätte, daß ich doch etwas dazu sagen würde! Ich will’s gnädig machen... Sie hat mich ‘mal angerufen und gesagt: Ich brauche Geld für eine Südamerika-Tournee, in meinem Budget ist aber keins mehr. Da gibt’s genügend Industrieleute, die können doch ‘mal ‘was tun! Aber die tun nur ‘was, wenn der Ministerpräsident sie einlädt. Da haben wir uns zum Schluß geeinigt: Ich lade die Industrie ein, aber sie kommt mit. Und ich habe gedacht: Beim small talk nach dem Essen fangen wir langsam damit an, daß sie ‘was bezahlen müssen. Aber weit gefehlt. Die kamen gar nicht zum Essen; denn beim Aperitif hat Marcia Haydée auf meine Bitte hin nicht nur gesagt, was das Ballett vorhat, sondern sie hat auch gleich gesagt, daß sie heute abend 300.000 Deutsche Mark braucht. Sonst könne man nicht zum Essen gehen. Da ich dummerweise gesagt hatte: Wenn wir das heute abend schaffen, komme ich zur Eröffnungsvorstellung ins Teatro Colón nach Buenos Aires – und wir haben das Geld bekommen -, bin ich in 48 Stunden, einer Schnellreise wie nie zuvor, in die argentinische Hauptstadt geflogen, habe dort die Ballettvorstellung gesehen, bin – es war während des Falkland-Krieges – dem damaligen amerikanischen Außenminister Haig begegnet und zurück nach Stuttgart gejettet. Versprochen ist versprochen.

Kunstpolitik beginnt da ein bißchen... Ich will gar nicht darüber philosophieren, wie wir „Dornröschen“ finanziert haben. Das Schlimme ist nur, sobald es gelungen ist und wir tief Atem geholt haben und sagen, das hätten wir geschafft, sagt sie: „Wie machen wir es denn jetzt nur das nächste Mal?“ Ich finde, das sollte erwähnt werden – es ist nämlich nicht ganz so einfach, nur dem großen Kunstbereich zu dienen und sich nicht einzusetzen für all die Problemlösungen, die drumherum sind. Sie hat es fertiggebracht, diese ganz normalen Aufgaben einer Direktion innerhalb eines Dreispartentheaters – in ihrem Stil, wie ich einräume – zu bewältigen. Niemand vermutet hinter ihr dann dieses Energiebündel, das wir in solchen Fällen gespürt haben.

Ich bin heute abend gefragt worden, ob Marcia Haydée nicht das „phantastischste Stück“ der Einrichtungen, der Dinge ist, die wir unter baden-württemberigscher Kunstpolitik preisen. Ich habe darauf geantwortet: „Das ist nicht der Fall.“ Sie war vor all dem, was wir an Kunstpolitik entwickelt haben. Sie ist nämlich Kunstpolitik. Sie ist einer der wenigen Menschen, die bei mir etwas ausgeprägt haben, nämlich die Tatsache, daß sie der überzeugendste Beweis dafür ist, daß Politiker kleingläubig sind, wenn sie meinen, Spitzenkunst sei nicht eine der wichtigsten Investitionen in das Humankapital einer Gesellschaft.

Das einzige, was ich kunstpolitisch sagen will, ist, daß wir aufpassen müssen in unserer demokratischen Gesellschaft, daß wir nicht nur die kleine Münze der Kunst anerkennen und den Glauben haben, das eine wäre elitär und das andere Kunst für die Breite. An dieser Stelle könnte man über das Mäzenatentum in der Demokratie nachdenken, nämlich über die Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft, sich selbst etwas zu schenken. Bei solch großartigen Leistungen wie hier beim Ballett wird die Notwendigkeit deutlich, Spitzenkunst zu fördern – auch solche Bauten wie dieses Aalto-Theater -, in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage als Signal zu setzen. Wir müssen lernen, daß in einer relativ reichen Gesellschaft die Investition in die Kunst nicht abgeglichen wird mit dem Sozialetat. Wer nicht den Mut hat, in die großen Künste zu investieren, der wird eines Tages ein Stück Erbe vergessen machen, und er wird nicht den Mut haben, auch dann zu den Dingen zu stehen, wenn es etwas schwieriger geworden ist. In Deutschland läuft man ein bißchen Gefahr, die Kunstinvestitionen zu sehr unter der Abwägung Elite und Sozialbedarf zu sehen. Eine der größten sozialen Bedürfnisse des Menschen ist die Kunst. Wir sollten, mehr als bisher, den Mut haben, auch für die großen Künste wieder mehr zu investieren.

Die Persönlichkeit von Marcia Haydée zu beschreiben, muß ich zitieren; und ich zitiere jetzt doch Klaus Geitel: „Ihre Persönlichkeit drückt unauslöschbar jedem Schritt, den sie tanzt, ihren Stempel auf. Sie ist nicht gut oder schlecht. Sie ist einzig, und dies schon deswegen, weil sie Haydée ist; und Haydée ist sie durch ihren Tanz. Sie tanzt, unverwundet, durch den Sperrverhau jeden Reglements, in dem die meisten Interpreten mit ihren braven Interpretationen verbluten. Haydée interpretiert nicht. Sie ist.“ Besser, glaube ich, kann die Persönlichkeit von Marcia Haydée nicht beschrieben werden.

Zu jeder großen Künstlerpersönlichkeit gehört auch die Krise. Und fast, meine ich, Marcia Haydée hatte diese Krise unbemerkt, mindestens von außen unbemerkt. Der, der ihr am meisten geholfen hat in der Phase, in der sie sich viel Neuem zuwenden und von Altem verabschieden mußte, war Maurice Béjart. Liebe Marcia Haydée, ich habe nichts Besseres zum Schluß dieser Laudatio, als einen Teil des Gedichts von Maurice Béjart:

„Marcia Haydée, Du bist es, der ich schreibe. / Wenn Du tanzt, weiß ich nicht mehr, / was Tanz ist – / und ich weiß auch nicht, / ob ich Tanz schaffen kann.

Wenn Du tanzt, erfindest Du – / und erfindest Du mich. / Du entdeckst Dich und Du verbirgst Dich. / Du singst, Du weinst, / Du bringst mich zum Lachen, / Du hilfst mir zu denken, / Du hilfst mir zu leben...

Wenn Du tanzt, tanzt Du, / und die Klarheit im Tanz ist / wie Dein roter Mund – / im Schwarz und Weiß des Films / Deiner Existenz.

Marcia, wie Mephisto dem Faust / werde ich Dir leise ins Ohr flüstern: / ‘Mach weiter, Marcia, mach weiter!’, / denn wir brauchen Dich alle."

Ich flüstere Dir’s nicht ins Ohr, sondern ich sage es hier laut!