Deutscher Tanzpreis 1991

Konstanze Vernon

Konstanze Vernon wurde am 2. Januar 1939 geboren.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Konstanze Vernon fand am 9. März 1991 im Grillo Theater Essen statt. Der Laudator war August Everding.

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Die Laudatio

Der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik hat Konstanze Vernon mit dem Deutschen Tanzpreis 1991 ausgezeichnet. Sie ist die zehnte Preisträgerin. Unter ihren Vorgängern Tatjana Gsovsky, die Palucca, José de Udaeta, John Neumeier, Marcia Haydée.

Heute steht Konstanze oben auf dem Siegerpodest. Sie steht dort nicht mehr als Primaballerina, sie steht dort als Förderin des Nachwuchses, als Initiatorin der Bosl-Stiftung, als Begründerin des Staatsballetts der Bayerischen Staatsoper, und ich halte diese Laudatio aus zweifachen Gründen gern: mit Anteilnahme spreche ich in diesem schönen Aalto-Theater, das so lange gebraucht hat, nach der Konzeption zum Leben erweckt zu werden. Mit Anteilnahme spreche ich in Essen, wo ich meine ersten großen Theatereindrücke hatte: „Wir sind noch einmal davongekommen“ – als wir gerade davongekommen waren, „Des Teufels General“ als die Generäle des Teufels zur Rechenschaft gezogen wurden – oder auch nicht. Hier sah ich Anouilh und Giraudoux – alles Stücke, deren sich die heutige Dramaturgie nicht mehr anzunehmen zu brauchen meint.

Ich danke für die Einladung und Einleitung dem Berufsverband für Tanzpädagogik. Von IBM wurde ich gerne eingeladen – dabei vergebe ich mir nichts, Sie aber geben mir einen Computer für mein Büro, helfen dem Staatsballett und der Bosl-Stiftung. Sponsoren, die nichts von mir wollen, sind mir sehr willkommen. Das sind ja fast schon Mäzene. Der echte Mäcenas hat Horaz und Vergil gefördert, als sie noch nicht Horaz und Vergil waren. Wer fördert schon Meier und Schulze, weil er daran glaubt, daß sie Horaz und Vergil werden. IBM ist gleich: „Immer besser machen“.

Mit Teilnahme spreche ich hier in Essen, deren Kulturpolitik ich als Präsident des Deutschen Bühnenvereins so oft angreifen mußte. Hier hat man – sicherlich in gutem Glauben – den Stand des Intendanten oft dezimiert, hat Kooperationspläne erwogen, die weder Einsparungen noch mehr Qualität bewirken, hier glaubt man, ohne einen Intendanten ein Theater führen zu können. Man wird sehen – aber in dieser Stadt und in diesem Theater wird ein Fest gefeiert, und ich freue mich, daran teilzunehmen. Ich konnte Konstanze Vernon helfen, daß dieses Staatsballett Wirklichkeit wurde, und sie unterläßt es in keiner Rede zu betonen, daß das Prinzregententheater, mein Lieblingskind, bald ganz wiederhergestellt sein muß, damit sie dort oft tanzen kann: große klassische Handlungsballette, derer München sehr bedarf, aber auch neue und experimentelle Versuche, derer München noch mehr bedarf.

Und auf dem Podest steht heute für Konstanze Vernon das deutsche, nein, das internationale Ballett überhaupt. Diese Berufsgruppe im Theater, immer noch unterbezahlt und am arbeitswilligsten, wird heute geehrt. Tänzer haben nicht die Erfolgslebenserwartung der Bässe, die noch mit 65 Jahren kraftvoll ihren Mann singen, sie haben nicht die Gagen der Tenöre, nicht die Pensionen der Kulturbeamten; Tänzer sind die letzten Verrückten am Theater; und das Verrücktsein macht Theater zum Theater. Das Ballett ist immer noch das fünfte Rad des Theaterkarrens – und das hat sich Konstanze Vernon nicht mehr gefallen lassen: jetzt ist sie zwar noch nicht das erste Rad, aber sie fährt einen guten Kurs, sie kann schon etwas bremsen, sie blockiert manchmal einige Räder, und das macht sie bei manchen noch unbeliebter, aber beliebt bei denen, die München zu einer Ballettstadt ausersehen haben. Und München ist dazu fähig – und Essen ehrt sie heute in einem Theater, das auch so lange warten mußte, bis die Idee des Architekten verwirklicht wurde, aber jetzt dessen Namen trägt.

Es ist gut, daß dieser Preis hic et nunc verliehen wird. Oberhausen will sein Musiktheater abbauen, Aachen plant Strukturveränderungen, und das geschieht im reichen Westen, wo der uns zugewonnene Osten nicht weiß, wie seine Theater überleben sollen. Natürlich muß man in den neuen Bundesländern überlegen, ob Kooperationen möglich sind, ob Sparten abgebaut werden können, aber diese Vorschläge müssen von den Theatern und den Rechtsträgern kommen, sie dürfen nicht dirigistisch verordnet werden. Ich finde es herrlich, daß es ein Ballett in Meiningen gibt, einer Stadt mit nicht einmal 30.000 Einwohnern, wo Anfänger beginnen können, und wo die Einwohner mit der Kultur des Balletts aufwachsen. Das kann und braucht nicht immer erste Qualität zu sein – auch Qualität muß man lernen.

Wir müssen darum kämpfen, daß die Kulturlandschaft erhalten bleibt. Ich erinnere mich noch der Zeiten, wo ein eifriger Kulturreferent hier Pläne durchsetzen wollte: in Dortmund die große Ruhr-Oper. Er meinte, die würde dann besser und billiger. Falsch, falsch, falsch! Daß dieses Nordrhein-Westfalen so viele Theater nebeneinander hat, das bezeugt den Reichtum des Landes. Ich verkenne nicht die Nöte der Städte, aber ich halte es mit Bert Brecht: „Kunst ist ein Luxus, ja, aber ein Luxus, für den es sich zu leben lohnt.“

Somerset Maugham hat viele amüsante Stücke geschrieben. Wissen Sie, an welches ich mich heute abend besonders gerne erinnere? „Finden Sie, daß Konstanze sich richtig verhält?“ Ja, ich finde, Konstanze hat sich richtig verhalten. Sie hat sich auch verdammt gut gehalten, jetzt müssen wir alle helfen, daß sie sich in München gut halten kann.

Ein Bonmot, vielmehr ein Mauvais-mot behauptet von der Oper, in ihr würde gesungen, weil sie nichts zu sagen habe. Und wie zur Bestätigung lassen Hofmannsthal und Strauss ihre todunglückliche Elektra zum tödlichen Ende singen: „Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: Schweigen und Tanzen.“ Das wäre die beste Laudatio: ich schweige, Sie, Konstanze, tanzen.

Aber – Sie tanzen nicht mehr, und ich freue mich, daß Sie zu Beginn einer großen neuen Aufgabe diesen ehrenvollen Preis erhalten. Das ist auch ein Preis für das Prinzip Hoffnung. Sie erhalten ihn aber auch für das Prinzip erfüllter Hoffnungen, als Tänzerin, als Direktorin, als Professorin. Ihren Vornamen hat sie ganz bewußt von ihrem musikologischen Vater erhalten, Friedrich Herzfeld, der der Magie des Taktstockes nachspürte und der Vierzehnjährigen erlaubte, den Namen Herzfeld fallen zu lassen, weil sie sich der Magie des Tanzes verschrieben hatte.

Ich freue mich, diese Laudatio halten zu dürfen, weil die Generalintendanz von Anfang an für das Staatsballett gekämpft hat, für ein eigenständiges Ballett, natürlich der Oper immer zu Diensten. Aber ein Ballett mit eigenem Etat, mit der Möglichkeit zu Gastspielen im In- und Ausland, aber auch ein Ballett, das sechzig Mal im Prinzregententheater auftreten soll, will und kann. München hat eine große Ballett-Gemeinde, die manchmal vernachlässigt wurde, München kann eine Ballettstadt werden – die Pflöcke sind neu eingeschlagen.

Aber, liebe Frau Vernon: heute stehen Sie nicht allein auf der Bühne. Ich sah eben im Geiste die Ensembles, die Solisten, die Musiker, die Choreographen, die Dirigenten, die Regisseure, die mit ihnen gearbeitet und getanzt haben. Die ganze Bühne war überfüllt. Alle drängten sich, Ihnen zu gratulieren, und alle drängten sich wieder in Ihr und unser Gedächtnis.

Da steht Heinz Rosen und freut sich an der „Carmina“, an „Othello“ und der „Dame und das Einhorn“. Die Julia erglüht, liebt und stirbt, die Tatjana wird zurückgewiesen und weist zurück, die Katharina zähmt den Petrucchio, und John Cranko hatte seine genialen Finger in jedem Spiel. Wir erleben eine „Begegnung in drei Farben“, Gerhard Bohner läßt die Beatrice Cenci foltern. Und George Balanchine hat in sieben Balletten immer wieder die klassisch-moderne Quadratur des Kreises lösen wollen. In die „Verklärte Nacht“ führt uns Lothar Höfgen, und Erich Walter versuchte Saint-Saëns zu entschlüsseln. Wir haben Michael Fokines „Sylphiden“ nicht vergessen und nicht das „Blumenfest“, das Herr Bournonville Ihnen dargebracht hat. Auch wir fragen uns, mit Lar Lubovitch: Was ist das, „The Time Before the Time After“? Dazwischen liegt das „Rendezvous“ mit Ashton und danach das Requiem – das „Requiem“ von Jerome Robbins.

Haben Sie Ihre Gefährten wiedererkannt? Haben Sie sich wiedererkannt in den vielen Rollen? Das alles waren Sie, aber sie waren nur gespielt. Was heißt nur gespielt? Spiel ist unser Leben, und wenn man dieses Lebensspiel noch tanzen kann, ist man auf eleusinischen Feldern. Hören Sie die Stimmen Ihrer Bewunderer: „Oh, wie leicht, wie duftig, wie schwerelos.“ Ach, wenn die wüßten, wie schwer diese Leichtigkeit des Seins zu erarbeiten ist, wenn sie wüßten, wie arm das Schicksal eines Tänzerlebens sein kann. Dieser Kunstpreis für eine Tänzerin und Pädagogin mahnt auch ein wenig zur Besinnung.

Im Tanz überwindet sich der Mensch und alles, was ihn herabzieht. Er will die Schwerkraft auflösen, er will fliegen, aber viele verbrennen, weil ihre Flügel zu wächsern sind. Manche überspringen Raum und Zeit. Der Tanz redet ohne zu sprechen, er musiziert ohne zu singen, er zeichnet ohne zu malen. Er zeigt, wie der Mensch vielleicht einmal gedacht war, als er sich noch beherrschte und nicht dem Egoismus verfiel. Das Maß, dieses Ziel der Klassik, die die Ausgewogenheit zwischen Herz und Verstand erreichen will. Dieser ständige Kampf zwischen „blood and judgement“ – wie Hamlet es nennt. Wo sich Blut und Verstand im Gleichgewicht befinden, wie bei Freund Horatio, da dient der Mensch nicht „Fortunen zum Pfeil“ und wird nicht Sklave seiner Leidenschaft.

Tänzer überspringen das verlorene Paradies, machen uns glauben, daß wir wieder zeitweise im Garten Eden leben. Ein Tänzer kommt einem Engel nahe, aber auch viele Engel erleben ihre Himmelsstürze. Die ersehnten Flügel sind ihm nur für Momente ausgeliehen. Manchmal glaubt man, im Sprung den „Augenblick verweilen“ zu sehen. Tanz ist, wenn er bloße Eurythmie überwindet, zum Kult und zur Kultur fähig. Was würde uns fehlen, wenn man uns den Tanz nähme. Die Kunst ohne den Tanz wäre nicht nur um die Muse, die Terpsichore, ärmer. Ein Tänzer öffnet ein wenig den Vorhang, läßt uns die Zeit ahnen, die nach unserer Zeit ist – „The Time After“. Aber dieses Zeigen kostet soviel Exercice, soviel Kraft, soviel Disziplin, soviel Überwindung und soviel Glauben. Aber dieser Glaube läßt hoffen, daß Erdenschwere nicht des Menschen letzter Zustand sein werde.

Tänzer heißen uns hoffen und sie heißen uns freuen: freuen am Leben, an ihrer Bewegung, an ihren Späßen, an ihrer Komik, an ihren Purzelbäumen und ihrer Akrobatik, an ihrem Gehen und Schreiten. Alle, die sich heute abend auf der Bühne versammelt haben, um Ihnen zu gratulieren, rufen: Wir tanzen, also sind wir. Kommt und tanzt mit uns – und Ihr werdet sein.

Oder wie es der Herzog in „Wie es Euch gefällt“ uns zuruft: Zum Tanze auf, zum Tanz! Das Fest fängt an, das enden soll mit Jubel wie’s begann – ein Tanz.