Deutscher Tanzpreis 1986

Heinz Laurenzen

Heinz Laurenzen wurde am 8. Januar 1930 geboren. Er verstarb am 16. Juni 1005.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Heinz Laurenzen fand am 9. März 1986 im Städtischen Saalbau Essen statt. Der Laudator war Helmut Scheier.

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Die Laudatio

Als Kurt Peters vor zwei Jahren der Deutsche Tanzpreis verliehen wurde, begann Klaus Geitel seine Lobrede auf ihn mit der köstlichen Geschichte von dem Rabbi, der aus der Ferne seines galizischen Städtchens in die Großstadt kam und, als es ihn in den Zoologischen Garten verschlug, er plötzlich vor einer Giraffe stand und ebenso staunend wie ratlos ausrief: „So ein Tier gibt es nicht.“ In kühner Analogie stellte Klaus Geitel damals angesichts des zu rühmenden Phänomens Kurt Peters fest: „Einen solchen Mann gibt es nicht.“

Gestatten Sie mir, daß ich, vor die Aufgabe gestellt, die Verleihung des Deutschen Tanzpreises 1986 an Heinz Laurenzen lobpreisend zu begründen, dieses Aperçu abwandle und auf das Lebenswerk des heute hier zu Ehrenden beziehe, auf seine nun 30 Jahre bestehende Kölner „Internationale Sommerakademie des Tanzes“, um dann festzustellen: „Eine solche Institution gibt es nicht.“ In der Tat, es gibt Winterkurse, Ostertanzwochen und Frühlingstanzseminare, die den Bewegungshunger der heutigen jungen Generation stillen wollen, bis hin zu Afro, Bauchtanz, Step und Stretch. Es fehlt weder Bewegungstheater noch Tanztherapie. Und immer wieder werden Klassisch und Modern kompetent gelehrt, im Inland wie im Ausland, zur Weiterbildung und Vervollkommung. Die „Internationale Sommerakademie des Tanzes“ zu Köln, gäbe es sie nicht, müßte gleichwohl erfunden werden.

Auch heute noch sind die Studios am Müngersdorfer Stadion weit mehr als ein Ort, an dem eine Vielzahl internationaler Kapazitäten alle Sparten des künstlerischen Bühnentanzes gleichsam akademisch korrekt vermittelt. Sie sind Ort unvergleichlicher wechselseitiger Anregung. Die Arbeit vieler zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Kombination von Pädagogik und künstlerischer Kreativität aus. Neugier treibt selbst die Experten in die Klassen der Kollegen.

Ballettmeister und Choreographen, sonst viel zu sehr mit sich selbst und in den eigenen Grenzen beschäftigt, lernen im Detail hinzu und gewinnen neue Perspektiven, denn allemal zeichnen sich in Köln Tendenzen ab. Nicht selten auch werfen sie ihr Auge auf Tänzer, die ihr besonderes Interesse erregen, und schon eines manchen Karriere hat in Köln die entscheidende Wende genommen, als er vom Fleck weg engagiert wurde. Gelegentlich werben, nicht immer fein, Tanzpädagogen sogar noch in der Ausbildung stehende Studenten ab. Besonders eines aber fällt auf: mehr als ein Dozent versteht es wie in längst verloren geglaubten Zeiten, durch seine Arbeit und persönliche Zuwendung einen Kreis von Schülern um sich zu scharen, der nicht von seiner Seite weicht, unausgesetzt Belehrung, Rat und Freundschaft suchend. So hat denn die ganze Akademie, nicht zuletzt das alte Zelt im Innenhof, eine unnachahmliche Atmosphäre, die sich nicht einfach herbeiorganisieren läßt.

Und doch – sie will organisiert sein, diese „Internationale Sommerakademie des Tanzes“ von Köln, genauer: es müssen ihr Bedingungen geschaffen werden, durch die das Nichtorganisierbare Ereignis wird. Darum hat es eben seinen Sinn, wenn der Deutsche Tanzpreis 1986 nicht der Institution als solcher verliehen wird, sondern dem Mann, der ihre Idee aufgriff, sie in die Wirklichkeit umsetzte und 30 Jahre hindurch mit Leben erfüllte: Heinz Laurenzen.

Sein Verdienst ist es, der Akademie Jahr um Jahr Impulse gegeben und neue Aktualität verschafft zu haben, ohne Angst vor dem Spiel der freien Kräfte. Dieser Wandel in der Aktualität hat nicht nur ihr Weiterbestehen ermöglicht, er hat ihr Berechtigung und eine historische Dimension verliehen.

Sie werden nicht erwarten, daß ich den wechselvollen Weg, den Heinz Laurenzen diese Akademie geführt hat, im einzelnen nachzeichne, Sie womöglich mit Statistik ermüde. Lassen Sie mich statt dessen Charakteristisches hervorheben.

„Von mir – gar nichts!“ So gab Heinz Laurenzen noch vor wenigen Tagen die Anweisung für diese Rede. Aber das läßt sich nun eben doch nicht ganz umgehen. Wie kommt ein Siebenundzwanzigjähriger, in Sankt Hubert am Niederrhein geborener Verwaltungsbeamter auf die Idee zu einer derartigen Akademie? Es war die Liebe zum Theater im allgemeinen und zum Tanz im besonderen, die ihn schon früh mit den Künstlern des Krefelder Stadttheaters und mit dem Kulturamt in Verbindung brachte.

Aber der Blick war in die Weite gerichtet. Das kulturelle Leben in Deutschland litt auch in den frühen fünfziger Jahren noch unter den verheerenden Folgen des Krieges. Dringend mußten die verbliebenen Kräfte gesammelt, neue aufgespürt werden. Vor allem galt es, Kontakt zum Ausland aufzunehmen und führende Künstler und Pädagogen an einem Ort um sich zu scharen, um Aufbauarbeit zu leisten. So entstand in Heinz Laurenzen die Idee, eine Plattform für einen Neubeginn der Tanzkunst zu schaffen. Wesentlichen Anteil daran hatten Erich Walter und sein Bühnenbildner Heinrich Wendel in Wuppertal; aber auch Kurt Jooss, der wieder in Essen wirkte. Die Resonanz des Gedankens ging darüber weit hinaus.

So kam es zunächst am 14. April 1955 zur Gründung der „Gesellschaft zur Förderung des künstlerischen Tanzes“ in Krefeld, bei der Otto Friedrich Regner über „Die Lage des künstlerischen Tanzes in Deutschland“ und Kurt Peters über „Aufgaben und Ziele für den künstlerischen Tanz“ referierten. Zwei Jahre später dann konnte die erste Sommerakademie in Krefeld veranstaltet werden. Die unerwartet starke Beteiligung – 170 Tänzerinnen und Tänzer schrieben sich ein – machte deutlich, welch großes Bedürfnis bestand. Die steile Entwicklung, die sich in den folgenden Jahren anbahnte, erklärt sich aber nicht allein aus der Tatsache, daß hier erstmals wieder hochqualifizierte pädagogische Arbeit geleistet wurde. In der ersten Zeit war die Akademie begleitet von einem umfangreichen theoretischen Programm. Vor allem machte sie sich zum Sprecher der desolaten beruflichen und sozialen Situation des Tänzers, sann konkret über Fragen der Ausbildung, der Stipendiatenmöglichkeit und des Choreographenaustauschs nach.

Diese Komplexität der Aufgabenstellung sicherte der Akademie Attraktivität und Breitenwirkung. Es war klar, daß Krefeld auf Dauer Austragunsort nicht bleiben konnte. Düsseldorf war im Gespräch, wo Heinz Laurenzen gerne eine zentrale deutsche Tanzakademie gegründet hätte. Doch es kam anders.

Sein Weg führte nach Köln, wo der für die Tanzkunst sehr aufgeschlossene Kulturdezernent Kurt Hackenberg seine ganze Autorität geltend machte, um die Sommerakademie nach dort zu bringen. Dies geschah im Jahr 1961. Als Glücksfall stellte sich die Zusammenarbeit mit Aurel von Milloss heraus, der als Chefchoreograph des Kölner Opernhauses nach Heinrich Wendel auch die Leitung der Akademie und des neu gegründeten Instituts für Bühnentanz übernahm.

Heinz Laurenzen wurde Verwaltungsdirektor der Rheinischen Musikschule. Er nun wiederum war es, der die genannten Institutionen, denen noch die Musikhochschule hinzuzufügen ist, im besten Einvernehmen mit dem Kulturdezernenten und dem Kulturausschuß der Stadt als integrierende Kraft zusammenführte und die Voraussetzungen eines idealen Zentrums der Tanzkunst schuf. Manche Hoffnung, die sich daran knüpfte, hat sich nicht erfüllt. Weiterentwickelt haben sich indes Qualität und Bedeutung der Sommerakademie. Zu Anfang war sie eine nationale Notwendigkeit, im Lauf der Jahrzehnte bekam sie einen internationalen Zuschnitt, der die Probleme im eigenen Haus nicht völlig beseitigte. Beispiele machen klar, welche Leistungen die Akademie für unser Land erbracht hat.

Ich zähle nicht weniger als 189 Dozenten aus aller Welt, die bis heute ihre Kraft voll in ihren Dienst stellten. Einzelne Namen auszuwählen, fällt mir schwer, weil dies naturgemäß zu Ungerechtigkeiten führt. Dennoch muß ich einige aus weit zurückliegender Zeit nennen, die auf die Arbeit ein bezeichnendes Licht werfen: Daß einmal Antony Tudor zu Gast war, beeindruckt uns heute um so mehr, als Pina Bausch seinen Namen beharrlich in Erinnerung ruft. John Cranko lehrte ein anderes Mal, was in Wahrheit einen Pas de deux ausmacht, seine Elemente kreativ ins Künstlerische fortführend. Und wer hatte damals bei uns schon eine genaue Kenntnis von Form und Wesen des Flamenco, bevor José de Udaeta es demonstrierte; 22 Jahre blieb er der Akademie treu. Und welch ein Taumel der Sinne ereignete sich, als Alvin Ailey zum ersten Mal in den Jazz Dance einführte.

Die lange Kette dieser folgenreichen Erlebnisse verdient wahrhaftig die Aufmerksamkeit der Tanzhistoriker, damit der allmähliche Bewußtseinswandel in der Tanzszene ans Licht gerückt wird, wobei die Wirkungen des Modern Dance, wie er in Köln gelehrt wurde und wird, ein Sonderkapitel ausmachen müßten.

Aber lassen Sie mich zu dem Mann zurückkehren, den wir heute ehren, zu Heinz Laurenzen. Es gehört zu seinen besonderen Leistungen, im Verein mit der Sommerakademie den ersten „Choreographischen Wettbewerb“ Westeuropas als internationales Forum für junge Nachwuchstalente etabliert zu haben. Ein Kräftemessen wurde ermöglicht, bei dem viele auf der Strecke blieben und die ganze Problematik der schöpferischen Fortführung der Tanzkunst offenbar wurde. Aber es gab auch ermutigende Zeichen und schöne Erfolge.

Maßstäbe deutlich zu machen, darum ging es Heinz Laurenzen auch bei der von ihm energisch ideell und praktisch unterstützten Kölner „Woche des modernen Tanzes“, die das Tanz-Forum parallel zur Akademie veranstaltete. Top-Compagnien waren jahrelang zu Gast.

Und da ist die Reihe eigener Rahmenveranstaltungen. Gut gemischt, boten sie fesselnde Einblicke in exzellente Akademiearbeit, wie sie denn andererseits spektakuläre Bonbons verabreichten. Ein Beispiel nur: Noch als kaum jemand in unserem Land den Namen Sylvie Guillem gehört hatte, präsentierte Heinz Laurenzen dieses Wunder von einer Tänzerin in Köln.

Die Reihe seiner Verdienste wäre nicht vollständig, erinnerte man nicht an die Sorge um das Institut für Bühnentanz. In einer Zeit, da die ausländische Tänzerkonkurrenz dank unserer liberalen Gesetze erdrückend groß ist, weiß er, daß die Tanzkunst in unserem Land am Ende nur dann einen sicheren Platz findet, wenn eine nationale Basis deutscher Tänzer geschaffen wird. – Daß er bei all seinen Aktivitäten oft genug von der öffentlichen Hand allzu wenig Mittel zur Verfügung hat, erschwert die Verwirklichung seiner Ideen beträchtlich.

Lassen Sie mich denn schließlich noch auf Heinz Laurenzen persönlich zu sprechen kommen, auch wenn er jetzt spürbar zusammenzuckt. Wer ist dieser Mann? Alle, die ihm je begegneten, werden verstehen, daß ich mich außerstande sehe, sein Psychogramm abzuliefern. Seine Person versteckt er nach Kräften. Niemand hat ihn je öffentlich eine Rede halten hören, sei sie auch noch so kurz; selbst heute wird er mit dieser Tradition nicht brechen. In zahllosen Konferenzen ist er ein aufmerksamer Zuhörer, und wo ein rasches Votum gefordert ist, verweist er erst einmal auf eine notwendige Diskussion. Trotzdem zieht er das bilaterale Gespräch vor. Seine Entscheidungen aber trifft er für sich allein, nicht ohne Risikobereitschaft, wie man feststellen muß. Natürlich sind sie alle fundiert begründet, abgesichert durch Gewährsmänner von allüberallher. „Ich habe da vier Leute in New York“, kann er beiläufig sagen, „die haben die Nase vorn“. Er hat sie nicht nur in New York. So bildet er sich sein Urteil aus eigener Anschauung, Umfrage und Instinkt. Und keiner, der ihn berät, ist vor Überraschungen sicher.

Gelegentlich habe ich sein Gespür bewundert und seinen Mut. Wie er etwa die Gewichte verlagert, zeitweise dem klassischen Tanz mehr Raum bietet, wie er einem Absinken des Niveaus durch Stipendiatenklassen entgegentritt, wie er in Tanzkomposition die großen Namen wechselt.

Sicher führt er noch manches im Schilde. Mag sein, daß er sich künftig auch stärker gen Osten wendet, oder den Mangel in der theoretischen Aufarbeitung, der ihn schmerzt, zu beheben weiß. Nicht ausgeschlossen, daß er die vernachlässigte berufspolitische Komponente wieder betont. Eines scheint sicher, das Glück wird ihn nicht verlassen, jenes Glück, von dem der Maler Max Liebermann sagte, es sei ein besonderes Talent. Daß er reichlich von diesem Talent besitzt, hat er in 30 Jahren bewiesen.

Heinz Laurenzen, ein Mann unvorstellbarer Beharrlichkeit, der um jede Chance ringt, um jede Mark kämpft, als sei sie seine eigene, ein Mann, der kein persönliches Opfer an Zeit und Kraft scheut, sein Ziel zu erreichen. Und doch nicht nur ein Mann des Organisierens und Verwaltens. Wer genau hinsieht, entdeckt in ihm den versteckten Liebhaber. Seine Bewunderung für die vollkommene Tänzerin, den vollkommenen Tänzer ist unbegrenzt, und seine private Leidenschaft für Jugendstil und Art Deco wirft ein bezeichnendes Licht auf seine Persönlichkeit. Dies beides trägt in seine unübersehbare Korrektheit Farbe ein.

Selbst kein Künstler, hat sich Heinz Laurenzen um die Tanzkunst weit über unsere Grenzen hoch verdient gemacht.