Deutscher Tanzpreis 2001

Hans Werner Henze

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Hans Werner Henze fand am 15. September 2001 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Dr. Richard von Weizsäcker.

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Text der Ehrenurkunde

In Anerkennung seiner herausragenden Verdienste um den künstlerischen Tanz zeichnet der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik Hans Werner Henze mit dem Deutschen Tanzpreis aus.

Hans Werner Henze hat sich von Beginn seines künstlerischen Schaffens an in außergewöhnlich intensiver Weise für den Bühnentanz engagiert.

Er hat das Ballett-Repertoire um zwei bedeutende abendfüllende und eine

Reihe einaktiger Werke bereichert und zahlreiche Kompositionen geschaffen,

die Tanzschöpfer in aller Welt zu choreografischen Interpretationen anregten.

Mit seinem unter den Komponisten unserer Zeit leider selten gewordenen Bekenntnis zum Bühnentanz als künstlerischer Ausdrucksform und mit seinem Streben nach einer zeitgemäßen Ballettmusik hat sich Hans Werner Henze in außerordentlicher Weise um den künstlerischen Tanz verdient gemacht.

Die Laudatio

Lieber und verehrter Hans Werner Henze,

zu Ehren und zur Feier Ihrer Musik sind wir hier versammelt. Das meiste, was ich auf dem Herzen habe, wenn ich an Sie und Ihre Musik denke, kann ich ohnehin kaum in Worte fassen. Was sollen Worte, um die Resonanz Ihrer Lebensmusik, Ihrer Lebensbühne angemessen wiederzugeben? Auch bin ich ja ganz und gar kein Fachmann, nur ein zutiefst Anteil nehmender und dankbarer Zeitgenosse von Ihrem Lebensweg und Ihrer Kunst. Eine Vollmacht zur Laudatio steht mir nicht zu.

Aber zunächst möchte ich auch von mir aus meinen großen Dank an Ulrich Roehm mit dem Tanzpädagogenverband, an Heinz Spoerli und an alle Künstler, die unseren Abend gestalten, an die Stadt Essen, an alle Freunde und Förderer dieses wunderbaren Aalto-Theaters zum Ausdruck bringen, das zum Ruhm der Stadt und der ganzen Region so viel beiträgt – einer Stadt und Region, mit der ich mich eng verbunden fühle: Meine Frau habe ich hier kennen gelernt, nebenan im Saalbau war ich mit ihr, als sie Oberprimanerin war, mehr oder weniger heimlich, und unsere Kinder sind hier zur Welt gekommen. Und das Aalto-Theater habe ich vor mehr als zehn Jahren hier auch mit einweihen dürfen

Es ist eine große und würdige Tradition, wie hier alljährlich der Deutsche Tanzpreis verliehen wird, mit den Grüßen, den Glückwünschen, der Verleihung der Urkunde und einem Werk, das mit dem oder der Preisträgerin unmittelbar verbunden ist. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich daran teilnehmen lassen

Doch nun also zu unserem Preisträger. Der Preis ist eine Ehre für ihn, aber es ist eine Ehre für Essen und für uns alle, dass er ihn hier entgegen nimmt. Früh, als junger Künstler, als Lyriker, begegnete Henze dem ihn tief berührenden Werk von Igor Strawinsky und damit wie von selbst dem Ballett. Henze hat uns eine Autobiografie hinterlassen, Herr Roehm hat sie schon erwähnt, und ich möchte nur allen hier Anwesenden auf das lebhafteste empfehlen, in ihr zu lesen. Sie ist eine wahre Kulturgeschichte der Lebenszeit von uns, eine Geschichte der Kultur wie auch der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, wunderbar zu lesen. Auch wenn man nicht vom Fach ist, erfährt man so vieles daraus, was man sonst nicht entgegennehmen kann

Darin steht unter anderem, dass Henze sagt, wie für viele bedeutende andere Komponisten, so habe auch für ihn die Kammermusik den Reiz des Zaubers gehabt und die Symphonik mit ihrer ausgreifenden und mitreißenden Bedeutung einen tiefen Wert dargestellt, und doch seien sie nur Vorstufen zur Hauptsache gewesen, zum Theater, zur Oper, zum Tanz, oder, mit einem Wort, zur Bühne. Die Bühne, diese unvergleichliche und unersetzbare Stätte der Vermittlung, des Verständnisses von Mensch und Leben.

Henze spricht davon, wie sich dort alle schöpferischen Energien gemeinsam mobilisieren und bündeln lassen. Alle fünf Sinne sind für den Komponisten wie auch für den Hörer am Bühnenwerk beteiligt, sie sind konzentriert und integriert. Für ihn, den Schöpfer der Musik, geht es darum, wie er sagt, zu betören, zu verzaubern, verschrecken, beschwören, verführen, bei der Hand nehmen. Jede Erfahrung, jede Stimmung wird künstlerisch aufgenommen, von der heitersten bis zur traurigsten, von der verzweifelten bis zur glücklichen. Siege und Niederlage kommen vor, Schmerz und Glück, Größe und Niedrigkeit, dunkle und helle Mächte. Musik macht sie greifbar für unsere Resonanz

Wenn so der Komponist denkt und fühlt und künstlerisch führt, dann bringt er es fertig, dass wir seine Bühnenkunst erleben, dass er uns befähigt, quasi einen Schritt neben uns selbst zu treten, uns so zu erkennen, unser Leben, unser Schicksal. Wir werden herausgelöst aus den Fesseln der oberflächlichen Alltagsspannungen. Er bringt uns, er stellt uns auf einen Platz, wo wir hören und sehen und fühlen können, um für einen Augenblick zu begreifen, was unser Leben bringt, was es fordert, was es schenkt. Das ist Henze

Er ist es, der mir verständlich macht, was das unvergleichlich Herrliche an der Musik ist, dass wir nämlich irgendwo alle daran beteiligt sein dürfen, quasi schöpferisch. Zuerst und vor allem natürlich der, der die Musik schafft, der Komponist. Dann kommen die Musiker, die ausführenden Künstler als Instrumentalisten, als Sänger und Tänzer. Sie geben wieder, sie schaffen gewissermaßen nach und neu. Und dann kommen wir, die Zuhörer, die Zuschauer, wir nehmen auf, die komponierte und wiedergegebene Musik, und sie arbeitet, sie wirkt in unserem Inneren nach – und so arbeiten auch wir mit unserer Resonanz an ihr mit. Alle sind beteiligt. Wir sind nicht aufgeteilt in Prediger und Angepredigte

Das kann man bei Henze lernen und erleben. Denn natürlich ist er uns mit seinem Wissen und seinem strengen Respekt vor der notwendigen Gesetzmäßigkeit so weit voraus, dass wir ihn nicht erreichen. Aber es geht ihm doch um das Leben, um unser Leben, und so schließt er uns nicht aus, trotz seines hohen künstlerischen Niveaus, sondern ein. Er traut uns ja auch viel zu. Jeder Mensch, der sich auf Musik einlässt, sollte eigentlich auch komponieren können, sagt Henze. Staunend habe ich es gelesen. Aber er kann es verständlich machen. Es geht ihm zum Beispiel um eine elementar kreative, kreativ betriebene Schulmusik. Er empfiehlt die musikalische Komposition als Schulfach in Grund- und Mittel- und Oberschulen

Er sagt, das ist die beste Art von konstruktivem Widerstand, eine Art von Sensibilisierungspädagogik, eine staatlich geförderte Maßnahme gegen Entseelung und Vermassung und Verrohung. Wir sollen die jungen Menschen .... (Applaus unterbricht die Rede) Klatschen Sie ihm nur Beifall! Es ist so wunderbar, was er in einer ganzen Broschüre über die Komposition als Schulfach geschrieben hat. Ich war fasziniert davon. Junge Menschen zu Eigentümern, zu Hütern der so lebensspendenden Hilfen und Reichtümer der Kunst zu machen. Josef Beuys hat gesagt, jeder von uns sei ein Maler. Hans Werner Henze sagt: Jeder ein Komponist! Ich habe nur ’mal in einem Schulorchester mitgespielt. Immerhin habe ich es so weit gebracht, Trompete und Posaune in der Ouvertüre derjenigen Oper zu spielen, die zur Eröffnung des Aalto-Theaters hier gespielt wurde, der „Meistersinger“ – (zu Henze:) verzeihen Sie, aber es waren die „Meistersinger“. – Wahrhaft seine Empfehlung: Ein Mittel gegen Vereinsamung, gegen Heimweh, gegen Orientierungslosigkeit.

Herr Roehm, Sie werden gewiss nicht sagen, nun entfernte ich mich zu weit vom Ballett, vom Tanz. In Ihrem segensreichen Verband für Tanzpädagogik wissen Sie ja, wie ich mir denken kann, am allerbesten, wie sehr Tanz oft das erste ist, was sich im Kinde rührt, und wie sehr es darauf ankommt, diese Regungen in ihrer Natürlichkeit, ihrer Grazie, ihrem Ausdruck des oft noch für das Kind unaussprechbaren Inneren zu hüten, zu pflegen und zu entwickeln. Auch dabei, denke ich, ist Henze ein wunderbarer Verbündeter für Sie

Frühzeitig war Henze also dem Ballett nah – wir haben es schon gehört –, herrlich, wie er die Inspirationen von Strawinskys konkreter, expressiver Musik beschreibt, die Begegnungen, Herr Roehm, Sie sagten es schon, mit Frederick Ashton und Margot Fonteyn. Auch mir sind diese Sätze ins Auge gesprungen, die Sie zitiert haben. Henze hat es erlebt, er gibt es an uns weiter mit seiner Musik – gesetzmäßig und schwebend, erdgebunden und fliegend. Seine Musik macht vertieft fassbar, was das Auge auf der Bühne sieht. Sein Weg blieb geprägt von der Begegnung und Zusammenarbeit mit vielen anderen großen Künstlern, die Sie, Herr Roehm, auch schon erwähnt haben, und wo manche Namen aufgetaucht sind, die auch in meiner Lebenszeit uns mit prägten. Heinz Hilpert zum Beispiel, ihn habe ich zuerst an der kleinen Bühne in Göttingen erlebt, wo er dann nicht mehr in Berlin sein konnte und später dorthin zurück kehrte, Tatjana Gsovsky, natürlich auch Ruth Berghaus, der Tänzerin und großen Regisseurin, uns in Berlin aufs rühmlichste bekannt, die den „Orpheus“ für die Wiener Staatsoper machte

Und so sind wir beim heutigen Abend. Henze beschreibt in seiner Autobiografie, wie ihn der Anblick eines einsamen grauen Reihers bei Amsterdam zum „Orpheus“-Thema ermutigt und inspiriert hat. Orpheus, der wunderbare Sänger und Dichter, der mit seiner Leier die wilden Tiere zähmt, der die Bäume und ganze Wälder dazu bringt, bezaubert hinter ihm her zu ziehen, der seine Eurydike über alles liebt und als sie ihm zum zweiten Mal und endgültig entrissen ist, noch einmal mit seinem Klagelied die Steine bewegt. Trauer, Auflehnung gegen Barbarei, gegen die Mächte der Unterwelt, gegen das Erdchaos, gegen die Spaltung in Arm und Reich

Trauer also, und doch Widerstand und Hilfe. Man kann kaum anders, als für einen Augenblick an die erschütternden Ereignisse vom Dienstag dieser Woche zu denken. Wieder lernen wir, was doch zu unserer Welt und zu unserem Leben gehört. Ja, die Unverletzlichkeit, Menschen streben sie immer wieder an und Staaten auch, aber das ist ein unerfüllbarer Traum, kein Mensch ist unverletzlich, keine Gesellschaft. Aber unverrückbar bleibt, was uns trägt: Unsere Ideale, die Zivilität, der Auftrag zur Humanität, zu Mitgefühl, zur Hilfe, zur Solidarität, zur Menschenliebe. Es gilt, uns unserer moralischen Kräfte zu besinnen, zu denen uns die musischen helfen. Sie sind auf die Dauer stärker als alle technischen und ökonomischen Systeme. Und so erleben wir es mit Henzes „Orpheus“, der auf einer letzten verbliebenen Saite der zerschmetterten Lyra noch einen Ton hervorbringt, der die Hölle überwindet, ohne Rache, mit Frieden. Das ist heute unser Henze

Wie Sie alle wissen: Henze stammt aus Westfalen, lebt in Italien, und er gehört der ganzen Welt, die ihn bewundert. Stets war er unabhängig. An heimatliche Schulen hat er sich nie angepasst. War er also ein Außenseiter? Nein, er war und bleibt ein gewissenhafter Rebell. Angebiedert hat er sich nie, aber überzeugt hat er nun auch bald den letzten Kritiker

Er ist, wir werden es heute wieder erleben, der große Bühnenkomponist schlechthin. Mit seiner nie erschütterten Courage stellt er sich seinen Mitmenschen. Kunst und Wirklichkeit gilt es in Einklang zu bringen, die Strenge, die Fülle, die Not, die Ungerechtigkeit, die Liebe – das muss Kunst bewältigen, dazu muss Kunst verhelfen. Wie gesagt: Und sei es mit dem letzten Ton, den wir finden. Henze weist uns diesen Weg.

Ich bin glücklich und dankbar, dass es uns der Tanzpädagogenverband, lieber Herr Roehm, dass es uns das Aalto-Theater, die Stadt und die Bürger von Essen, die Künstler des heutigen Abends als ein tiefes Erlebnis bereiten, und dass ich es miterleben darf und Ihnen, verehrter, lieber Hans Werner Henze danken und Sie beglückwünschen darf. Das freut mich zutiefst.