Deutscher Tanzpreis 1993

Hans van Manen

Hans van Manen wurde am 11. Juli 1932 geboren.

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Hans van Manen fand am 23. Januar 1993 im Grillo Theater Essen statt. Der Laudator war Heinz Spoerli.

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Die Laudatio

Ich gestehe es offen und ehrlich: eigentlich möchte ich da unten sitzen, lieber Hans, und den Preis entgegennehmen, den ich Dir aber gönne und den Du auch verdient hast!

Mit einem ordentlichen runden Bauch, einem ausgestopften natürlich, und einer ganzen Menge Humor hat sich Hans van Manen vor acht Jahren in mein „Falstaff“-Ballett in Basel geworfen. Urwüchsig und polternd trat er damals auf – wohl das erste und einzige Mal, daß Hans in einem abendfüllenden Ballett auf der Bühne stand. Obwohl er bis zur Unkenntlichkeit in eine andere Rolle geschlüpft war, verkörperte er auch als John Falstaff jene drei „H“s, die seinen künstlerischen Zugriff mitbestimmen: Humor, Harmonie und Humanität.

Freilich ist sein Humor in seinen Stücken kein polternder, sondern ein feiner, der sich für den Zuschauer plötzlich offenbart und der unmittelbar aus der Bewegung heraus entsteht. Er entsteht auch, weil Hans seinen Humor offenbar mühelos und verständlich auf seine Tänzer übertragen kann. Und er läßt seine Tänzer Menschen sein, Frauen und Männer, nebeneinander, miteinander, gegeneinander und ziemlich gleichberechtigt, auch wenn mitunter ein Geschlecht überwiegt. Harmonie bestimmt seine Choreographien. Nicht nur, wie er seine Schritte setzt, die er aus der Musik herausschneidet, sondern auch, wie er seinen Bühnenraum gestaltet, vornehmlich mit den auf ihn eingeschworenen Künstlern Jan van der Wal, Jean-Paul Vroom und Keso Dekker: das Ergebnis ist stets von einer mathematischen Ausgewogenheit, von einer schlanken Klarheit und gläsernen Konstruktion und dadurch von einer Selbstverständlichkeit, die sich einem so darstellt, als wäre es gar nicht anders denkbar. Eine lebensbejahende Harmonie, eine, die den Atem frei läßt, eine in die Zukunft weisende, die sich anfangs wohl aus George Balanchines Ästhetik genährt hat, längst aber darüber hinausragt. Sein Zugriff ist dabei stets ein zeitbezogener, ein der Zeit gemäßer, ein moderner, kein modischer.

Als ich 1969 in Paris zum ersten Mal ein Stück von Hans sah, „Squares“, erlebte ich zum ersten Mal Tanz, Musik und Raum in vollkommenem Einklang – eine Seltenheit in unserem Beruf. Zehn Jahre später traf ich ihn in Wien wieder, und er, von der deutschsprachigen Presse längst zum Meister erkoren, akzeptierte es, „Squares“ mit meiner Basler Kompanie einzustudieren. Eine Freundschaft begann, die mit viel Respekt und Witz bis heute andauert.

Seine zwingend organisierten, rationalen, jeden Schnörkel vermeidenden Ballette, die im übrigen stets als kompakte Einakter gebaut sind, haben seit fünfzehn Jahren in Europa jenen Stellenwert, den bis in die siebziger Jahre hinein George Balanchines Ballette hatten. Tanzstücke wie „Große Fuge“, „Twilight“, „Adagio Hammerklavier“, „Fünf Tangos“ und „Lieder ohne Worte“ sind zu Klassikern des zeitgemäßen Balletts geworden.

Mit dem Schaffen von geschlossenen Bühnenstücken hat sich Hans allerdings nicht zufrieden gegeben. Er ist einer, der ständig weiter will, um eine neue Lösung zu finden. Der menschliche Körper tauchte nackt in dem Ballett „Mutations“ (1970) auf. In „Live“ (1979), das noch heute wie eine Installation avantgardistischer Bühnenkunst wirkt, treten eine Tänzerin und ein Tänzer sowie ein Mann mit einer Videokamera auf. In der Folge entstehen zwei Wirklichkeiten, eine Auseinandersetzung mit Bühnen- und Filmrealität. Mit seinen Kreationen hat Hans van Manen den klassischen Kompanien die Moderne nähergebracht, dem Nederlands Dans Theater eine klassische Seite bewahrt.

München, Wien, Stuttgart, Essen, Berlin – nur eine Auswahl von Städten, in welchen van Manens Werk zum festen Bestandteil des Repertoires zählt. Jedes Ensemble, das etwas auf sich hält, hat einen „van Manen“ im Repertoire. Und es war übrigens das Ballett der Deutschen Oper am Rhein, für das er 1971 seine erste Kreation im Ausland schuf: das Berio-Stück „Keep Going“ mit Tilly Söffing, Laetizia Raimondi und Peter Breuer. Seine Kreativität scheint unerschöpflich, seine Produktivität ist eine überdurchschnittliche. Es gibt Glanzstücke und gute Ballette, kaum aber schlechte Ballette von ihm – auch das eine Seltenheit unter Choreographen. Was außerdem für seinen Facettenreichtum spricht, ist, daß auch ein abendfüllendes Programm aus Van-Manen-Stücken ein Genuß ist: spontan, uneitel, witzig wie der Choreograph selbst, der sozusagen die Stunde Null des niederländischen Tanzlebens miterlebt hat und eine ungewöhnliche Laufbahn beschreitet.

Während seiner Produktionszeiten hält sich Hans mit gutem Essen in Form. Ich beneide ihn – auch eine Seltenheit unter Choreographen -, denn nicht er, sondern sein Werkkatalog wird dicker und dicker.

Wie sein Landsmann, der Maler Piet Mondrian, hat Hans van Manen einen Stil geprägt: unverwechselbar, glasklar, unzerstörbar. Das letzte „Holland Festival“ war Dir gewidmet, lieber Hans, Deine Orden und Auszeichnungen sind bereits beträchtlich – und heute bekommst Du auch noch den Deutschen Tanzpreis, zu dem ich Dir herzlich gratuliere!