Deutscher Tanzpreis 2005

 

Hans Herdlein

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Hans Herdlein fand am 26. Februar 2005 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Dr. Norbert Lammert (Präsident des Deutschen Bundestages).

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Text der Verleihungsurkunde

In Anerkennung seiner Verdienste um den Tanz und das Theater in Deutschland zeichnet der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik e.V. zusammen mit dem Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland e.V. Hans Herdlein mit dem Deutschen Tanzpreis 2005 aus.

Über eine Zeitspanne von zwei Generationen hat sich Hans Herdlein unermüdlich für die sozialen Belange der Bühnenkünstler in Deutschland eingesetzt. Die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bühnenangehörigen lagen dem ehemaligen Tänzer Hans Herdlein seit Beginn seiner tänzerischen Laufbahn am Herzen und führten ihn an die Spitze der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, deren Präsident er seit 1972 ist.

Mit mutigem Einsatz und nie versiegenden Energien ist es ihm unter vielem anderen gelungen, die Arbeitssituation der Bühnentänzer wesentlich zu verbessern, indem diese den sehr spezifischen Bedingungen der physischen und psychischen Belastungen angepasst wurde.

Verliehen zu Essen am Samstag, dem 26. Februar 2005

Die Laudatio

Wenn ich heute Abend statt der angekündigten Laudatio ein Märchen, z.B. Aschenputtel, vortragen würde, müsste ich mit dem nahe liegenden Vorwurf rechnen, ich machte mir die Sache doch zu einfach, würde den Veranstalter brüskieren und die Preisträger enttäuschen.

Tatsächlich ist der Einfall nicht ganz so abwegig, wie er vielleicht zunächst erscheint, wenn man die Sache so ernst nimmt, wie sie ist.

Die Verleihung des deutschen Tanzpreises ist immer ein Anlass, über die Situation des Tanzes in Deutschland nachzudenken, die heutige Auszeichnung von Hans Herdlein macht diesen Aspekt geradezu zur Hauptsache.

Aber wie redet man über den Tanz in Deutschland? Als Erfolgsgeschichte? Als Katastrophenbericht? Als Satire oder Glosse? Oder vielleicht doch am besten als Märchen?

Unter allen Künsten ist der Tanz wahrscheinlich die älteste, vielleicht auch die vollständigste und deshalb auch schwierigste: Die Verbindung von Körper und Geist, Gefühl und Verstand, Musik und Bewegung, Mimik und Gestik, Phantasie und Disziplin ist eine einzigartige Herausforderung für die Tänzer und gerade deshalb ein besonderes Erlebnis für die Zuschauer.

Unter allen Darstellenden Künsten ist der Tanz – jedenfalls in Deutschland – die am meisten gefährdete: das unscheinbare Aschenputtel neben den stolzen Schwestern Oper und Theater.

Soweit die unvermeidliche Konsolidierung öffentlicher Haushalte bestehende Ensembles trifft, sind Tanz- und Ballettcompagnien am meisten betroffen, weit mehr als Orchester, Theater und Opern. Seit Anfang der 90er Jahre wurden an den deutschen Theatern rund 20 Prozent der Tänzerstellen eingespart, im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen sogar beinahe doppelt so viel, einschließlich der völligen Auflösung ganzer Ballettcompagnien.

»Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, dass ihr Ende heran kam, da rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein«.

Mit dieser melancholischen Einleitung und dem dazugehörigen liebenswürdigen Appell lassen die Gebrüder Grimm ihr berühmtes Märchen beginnen, dessen Verlauf bemerkenswerte Parallelen zur Lage des Tanzes in der jüngeren Kulturgeschichte deutscher Dreispartentheater aufweist. Inzwischen ist nicht mehr zu übersehen, dass längst »Blut im Schuh« ist: zu knappe Schuhe für zu hohe Ansprüche. Und die rabiate Empfehlung, gegebenenfalls Zehen abzuhacken oder ein Stück der Ferse, funktioniert schon im Märchen nicht, zum Tanzen oder zur Förderung des Balletts ist sie erkennbar ungeeignet.

Die Bedeutung des Tanzes ist hoch, sein Stellenwert in der operativen Kulturpolitik eher niedrig. Um so wichtiger sind alle Institutionen und Initiativen, die sich dieser zerbrechlichen Kunst annehmen: die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, der Berufsverband für Tanzpädagogik, private Stiftungen wie beispielsweise die Tanzstiftung Birgit Keil, und neuerdings glücklicherweise auch die große Kulturstiftung des Bundes.

Unter den Institutionen, die sich um Tanz in Deutschland kümmern, ist die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger nicht irgendeine, und Hans Herdlein schon gar nicht. Er ist eine der unauffälligsten und zugleich wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Tanzszene: Seit über 50 Jahren ist er zunächst nebenamtlich, dann hauptberuflich für den Tanz und vor allem für die Tänzer engagiert; seit mehr als 30 Jahren als Präsident der Genossenschaft.

Er ist damit länger im Amt als Bismarck Kanzler des Deutschen Reiches und Helmut Kohl Kanzler der Bundesrepublik Deutschland waren (die man sich beide in ihrem ersten Leben nur schwer als Tänzer vorstellen kann). Genau dies aber war Hans Herdlein, und ohne diese Vorgeschichte sind Leidenschaft und Erfolg des »Funktionärs« Hans Herdlein nicht zu erklären.

Seit Mitte der 40er Jahre aktiver Tänzer, wächst Hans Herdlein schon während seiner Engagements an den Münchener Kammerspielen, den Städtischen Bühnen Düsseldorf und an der Bayerischen Staatsoper immer mehr in die Rolle des Interessenvertreters seiner Kolleginnen und Kollegen, der neben den künstlerischen Herausforderungen auch die Bedeutung der sozialen Fragen reklamiert: ein tanzender Ombudsmann gewissermaßen, der sich notfalls auch mit Ballettdirektoren und Intendanten anlegte, um angemessene Dienstverhältnisse auszuhandeln und die notorische Benachteiligung des Balletts bei den Bühnenproben auszuräumen.

So war es nur folgerichtig, dass er nach gut 15 Jahren als aktiver Tänzer Anfang der 1960er Jahre zunächst als Vorsitzender der Berufsgruppe Tanz in die hauptamtliche Tätigkeit für die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger wechselte und damit die vermeintliche Nebensache endgültig zu seiner Hauptsache machte. 1971 wurde er zum Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern der Bühnengenossenschaft gewählt, bereits ein Jahr später zum Präsidenten des Bundesverbandes. Seitdem ist Hans Herdlein im Amt – der immerwährende Präsident, der in über drei Jahrzehnten manches erlebt und vieles überstanden hat, beim Deutschen Bühnenverein manche Präsidenten hat kommen und gehen sehen ebenso wie zahlreiche bedeutende und einige weniger bedeutende Intendanten und Ballettdirektoren.

Was im deutschen Tanz zwischen Theatermanagement und Kulturpolitik zu regeln war, von der Ausbildung über die Weiterbildung bis zur Altersversorgung, von tariflicher Eingruppierung bis zur Festlegung der Arbeitszeiten, trägt seine Handschrift:

  • die Einführung des Normalvertrags Tanz
  • die Gleichstellung der Ballettgagen mit den Chorgagen
  • die Durchsetzung von Mindestgagen
  • die Einführung des Pflichttrainings für Tänzer
  • die Begründungspflicht im Anhörungsverfahren bei Nichtverlängerung eines Vertrages
  • die Eingrenzung der Statistentätigkeit und der Arbeitszeiten.

Hans Herdlein war immer dabei und regelmäßig an der Spitze der Bewegung. Ein Funktionär im besten Sinne des Wortes und immer mehr als das, kein Theoretiker, sondern ein Praktiker, der wusste, wovon er redete. Und weil er die Bühne nicht nur vom Hörensagen kannte, blieben ihm bei Tarifverhandlungen die künstlerischen Notwendigkeiten im Bewußtsein, so dass er mit besonderer Autorität umgekehrt gegenüber den künstlerischen Erwartungen auch die sozialen Ansprüche der Künstler einfordern konnte.

Der dauernde Spagat zwischen Kunst und Gewerkschaft, Tanz und Tarifen ist allein ein Kunstwerk sui generis mit einem unangefochtenen Hauptdarsteller: Hans Herdlein. Mit seiner Statur und einer, wenn nötig, gänzlich unaufgeregten Sturheit vertritt er die Besonderheiten des Bühnenbetriebes nicht nur gegenüber dem Tarifpartner, sondern auch gegenüber den Gewerkschaften. Mit Erfolg hat er sich für die Selbstständigkeit der Bühnengenossenschaft stark gemacht, als die Verschmelzung der Kartellgewerkschaft Kunst mit der Gewerkschaft Druck und Papier zur neuen IG Medien zur Debatte stand, und schließlich auch die Eingliederung der GDBA in die vor wenigen Jahren gegründete Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di verhindert. Nicht einmal die Namenspatronage des bedeutenden italienischen Opernkomponisten hat ihn von der Zweckmäßigkeit überzeugen können, die Interessenvertretung von Müllwerkern und Tänzern in ein- und derselben Gewerkschaft zu organisieren. Und wenn Hans Herdlein dafür schon keinen Gewerkschaftspreis erhalten hat, dann heute jedenfalls einen Tanzpreis, den Deutschen Tanzpreis.

»Die heutigen Tänzer engagieren sich weniger als vor 20, 30 Jahren für ihre sozialen Belange«, beklagt Hans Herdlein die nachlassende Organisationsbereitschaft der heutigen Generation. Neben manchen anderen Gründen ist sie die Folge der längst für selbstverständlich gehaltenen Regelungen, die es früher nicht gab und erst in der Amtszeit von Hans Herdlein von der Bühnengenossenschaft verhandelt und durchgesetzt worden sind. Manche wissen gar nicht (und müssen auch nicht wissen), dass diese Regelungen weder vom Himmel gefallen sind noch vom Haselbusch im Märchen, wie kostbare Kleider für das vernachlässigte Aschenputtel zum Prinzenball.

»Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit«, dieser lapidare Hinweis von Karl Valentin könnte auch von Herdlein stammen. Wenn sich der Bühnenvorhang öffnet, bleibt in der Regel unbemerkt, welche Arbeit zuvor bereits stattgefunden hat.

Die heutige Preisverleihung ist eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass große Anstrengungen nötig sind, damit sich große Kunst ereignet. Dies wird auch in Zukunft nicht anders sein, wenn die Kunst eine Zukunft haben soll. Deshalb ist es besonders schön und besonders passend, dass mit der Auszeichnung von Hans Herdlein zugleich ein neuer Tanzpreis »Zukunft« begründet und heute Abend erstmals verliehen wird.

Es ist gewiß kein Zufall, dass diese schöne Idee am runden Geburtstag einer der großen Persönlichkeiten des Tanzes in Deutschland, Birgit Keil (Preisträgerin Deutscher Tanzpreis 1998), Gestalt angenommen hat, der ich zu dieser glücklichen Verbindung eines persönlichen Jubiläums mit einer kulturpolitischen Initiative herzlich gratulieren möchte.

(...)

Es wird nicht nur Ulrich Roehm und Hans Herdlein gefallen, dass pünktlich zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2005 mit der Würdigung jahrzehntelanger Bemühungen um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Tanz und die Tänzer die Kulturstiftung des Bundes einen auf fünf Jahre angelegten Strukturplan beschlossen hat, »der die Situation des internationalen Tanzes in Deutschland in den Bereichen Ausbildung, Präsentation, Produktion und Wissenschaft nachhaltig verbessern soll«. Der »Tanzplan Deutschland« ist mit immerhin 12,5 Mio. Euro ausgestattet und damit das bisher ambitionierteste Projekt der Kulturstiftung des Bundes, mit dem in einem Zeitraum von fünf Jahren ein breites Spektrum von Aktivitäten ermöglicht werden soll, beginnend mit dem ersten Deutschen Tanzkongress im Jahre 2006 über ein- bis zweijährige Anschubfinanzierungen bis hin zu Modellvorhaben, die über die gesamte Laufzeit des Tanzplanes bis ins Jahr 2010 an unterschiedlichen Orten realisiert werden sollen. Hochwillkommene »Sterntaler« für ein allzu lange vernachlässigtes »Aschenputtel«. Fast wie im Märchen. In für die Kultur schwierigen Zeiten der Globalisierung und Liberalisierung, manchmal verzweifelter Haushaltsverhandlungen, gekürzter Budgets und aufgelöster Ensembles mehr als ein Silberstreif am Horizont – und für die Kulturstiftung des Bundes ein mehr als respektabler Beleg dafür, dass sie tatsächlich gebraucht wird.

Mit der doppelten Preisverleihung verbindet der Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland gewissermaßen Vergangenheit und Zukunft. Er macht damit nicht nur dem Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik als Initiator das denkbar schönste Geburtstagsgeschenk zu seinem 30-jährigen Bestehen, sondern er trägt durch die neue Initiative hoffentlich ganz wesentlich dazu bei, dass die Zukunft des Tanzes in Deutschland nicht nur die Fortsetzung einer großen Vergangenheit ist, sondern immer wieder auch ein Schritt in neues Gelände. Vielleicht wirklich »ein tanzhistorisches Ereignis« (Ulrich Roehm). Und wir alle können sagen: Wir sind dabei gewesen.