Deutscher Tanzpreis 2003

Gregor Seyffert
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Gregor Seyffert fand am 22. März 2003 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Dr. Gregor Gysi.
Text der Ehrenurkunde
In Anerkennung seiner herausragenden Verdienste um den künstlerischen Tanz zeichnet der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik Gregor Seyffert mit dem Deutschen Tanzpreis 2003 aus.
Mit dieser außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit soll einer der weltbesten Tänzer und Interpreten geehrt werden, der mit seiner stupenden Technik dem Tanz
neue darstellerische Dimensionen eröffnete.
Aus der hervorragenden Tradition der Staatlichen Ballettschule Berlin hervorgegangen, zu deren Künstlerischem Leiter er nun berufen wurde, schließt sich für dieses Institut der Kreis, wenn es heute seinen Meisterschüler an die Spitze stellt, um die neue Tänzergeneration kontinuierlich an die künstlerischen Anforderungen des neuen Jahrtausends heranzuführen.
Die Laudatio
Einen schönen guten Abend lieber Gregor Seyffert, guten Abend Herr Bundestagsvizepräsident, und die vielen anderen hervorragenden Persönlichkeiten, die alle schon benannt worden sind, und natürlich auch alle Damen und Herren, die noch nicht benannt worden sind.
Ihr Verband, lieber Herr Roehm und auch Sie, Herr Seyffert, stellen mich vor eine ungeheuere Herausforderung. Ich habe jetzt zwölf Jahre lang geübt zu kritisieren und zu meckern, fühle mich da auch einigermaßen firm – und soll plötzlich loben. Das bin ich nicht mehr gewöhnt, und weiß auch noch gar nicht, ob ich das hinkriege.
Aber ich freue mich über diese Herausforderung, und ich muss Ihnen sagen, lieber Herr Bürgermeister, nachdem ich Ihre Ansprache über Essen gehört habe – wenn ich nicht schon in Berlin wohnte, würde ich glatt umziehen. Ohnehin meine ich ja, dass Trinken, Essen und Tanzen zusammen gehören, und dass man das in dieser Stadt auch ganz gut erleben kann.
Ich freue mich, lieber Gregor Seyffert, dass Sie diese hohe Ehrung heute erfahren, obwohl Sie in ihrem Leben schon sehr viele Auszeichnungen und Ehrungen erhalten haben. Aber ich finde, jede hat ihre Besonderheit, und diese auch. Denn diese Auszeichnung ist relativ schwer erkämpft in Deutschland, sie wird nicht von der Bundesregierung gefördert. Dadurch ist dann aber die Verteilung auch gerechter.
Sie haben eine solide Ausbildung genossen, in Ost-Berlin, an der in dieser Form ja einmaligen Staatlichen Ballettschule, von 1978 bis 1987. Und es wurde schon darauf hingewiesen, dass nach der Einheit auch die Abwicklungs-Tänzer kamen, die diese Schule beseitigen wollten, dass es aber Persönlichkeiten wie Herrn Lammert, Herrn Roehm und Ihnen selbst, Herr Seyffert, und anderen zu verdanken ist, dass es diese Ballettschule noch heute gibt. Ich glaube, sie hat sich jetzt so etabliert, dass an ihrem Zweck auch niemand mehr zweifelt. Das ist ein Verdienst.
Sie sind heute ihr Künstlerischer Leiter und bringen damit nicht nur eine Verantwortung zum Ausdruck, sondern auch die Tatsache, dass Sie das, was sie können, weiter geben wollen an die nächste Generation, das heißt, dass Sie sich verpflichtet fühlen, etwas für den Tanz in Folge zu leisten, und nicht egoistisch Ihr Können nur für sich behalten wollen – keine Selbstverständlichkeit. Und wie ich meine, werden die Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule eine Menge davon haben, dass auch Sie dort unterrichten und Unterricht mit anleiten.
1987 – Sie waren gerade mit der Ausbildung fertig – wurden Sie schon Solotänzer an der Komischen Oper. Das war auch zu DDR-Zeiten keine Selbstverständlichkeit und spricht für Ihre Qualität und auch für die Qualität der Komischen Oper.
Sie sind dann 1991 Erster Solist geworden und sind seit 2000 freischaffend. Letzteres hing auch damit zusammen, dass die Entwicklung des Balletts an der Komischen Oper nicht mehr so gesichert wurde, wie Sie und andere sich das vorgestellt hatten. Sie sind einer der vielseitigsten Tänzer, die ich erlebt habe. So vielseitig sind Sie auch ausgezeichnet worden. Sie tanzen klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz, sie machen Solotanz, aber auch Partnertanz und haben für beides Auszeichnungen bekommen. Sie tanzen zu dem, was man ernste Musik nennt, Sie scheuen sich aber im Fernsehen auch nicht vor Unterhaltung und unterhalten uns auch dadurch. Das heißt, Sie haben überall Brücken gebaut und Sie haben Grenzen durchbrochen, weil man bis dahin ja auch in bestimmten Klischees, auch was den Tanz betrifft, behaftet war. Sie haben diese Grenzen aufgelöst und das deutlich gemacht, was man schon immer ahnte, aber was doch noch unter Beweis zu stellen war: Letztlich kommt es auf das Können an und nicht auf irgendein Genre und nicht auf irgendeine Ausrichtung. Sie sind einer der vielseitigsten Tänzer, die es je gegeben hat. Das alleine rechtfertigte schon Ihre Auszeichnung.
Beim „Clown Gottes“ gehen Sie meines Erachtens (ich habe den nun schon gesehen und freue mich natürlich wieder darauf, ich weiß gar nicht, wie Sie das danach noch schaffen, ich meine ja auch, eine gewisse Kondition zu haben, aber es gibt doch Grenzen ...) an ihre eigenen physischen und psychischen Grenzen. Sie geben sich als Persönlichkeit vollständig hin. Das ist, glaube ich, in dieser Ausdrucksform einmalig. Ihre Ausdruckstärke zeichnet Sie aus, auch diese Mischung aus Tanz, Akrobatik und Artistik. Sie sind auch noch ein hochbegabter Schauspieler, denn Sie identifizieren sich mit Ihren Rollen, Sie spielen den Tanz, Sie tanzen ihn nicht nur. Diese Art ist, glaube ich, ziemlich einmalig und macht klar, dass Sie diese hohe Auszeichnung verdient haben. Sie sind national und international gefragt und gewürdigt, Sie sind der herausragende Tänzer Ihrer Generation, wie ich meine, weltweit, und darauf können Sie stolz sein. Und wir können stolz darauf sein, Sie zu haben.
Es mag noch andere Gründe dafür geben, Sie auszuzeichnen, mir fällt zum Beispiel noch Ihr Vorname ein, aber da mag die Motivation unterschiedlich sein. Ich kann aber die Gelegenheit hier nicht verstreichen lassen, ohne etwas über das Verhältnis von Politik, Kunst und Kultur zu sagen. Es ist ja nicht neu, dass Politikerinnen und Politiker, insbesondere in Wahlkämpfen, sich ganz gerne mit Künsterinnen und Künstlern schmücken. Dann aber beginnt in der Regel doch eine Art gestörtes Verhältnis. Dazu muss man Besonderheiten aus Deutschland kennen, wir haben kein entwickeltes Mäzenatentum. Der Bund ist nach dem Grundgesetz nicht zuständig für Kultur und will es auch nicht sein. Länder und Kommunen sind zuständig, wollen oder können aber Kunst und Kultur nicht in dem Maße fördern und finanzieren, wie es meines Erachtens erforderlich wäre.
Die Finanzminister aller Bundesländer, mögen sie noch so unterschiedlicher Couleur sein, einigt die Überzeugung, dass Kunst und Kultur eigentlich nichts kosten sollte. Dagegen müssten die Kultusminister aller Länder versuchen, einen gemeinsamen Standpunkt zu artikulieren. Sie müssten sich dagegen wehren, weil mit dem Abbau von Kultur vieles in einer Gesellschaft abgebaut wird, was sie nicht nur anziehend macht, auch nicht nur charmant, sondern was einen Bereich ausmacht, der zumindest für mich dazu gehört, Leben lebenswert zu machen. Wer Kultur abbaut, baut letztlich Zivilisation ab. Und genau das können wir uns in unserer Gesellschaft nicht leisten.
Aber Film, Theater, Oper, in gewisser Hinsicht auch Museen, haben noch eine relativ starke Lobby, obwohl es auch dort immer enger wird. Beim Film kommt nun noch hinzu, dass irgend jemand ‘mal auf die Idee gekommen ist, das über die Bundesländer zu organisieren, das heißt, wir haben 16 Filmförderungen – selbst die USA leistet sich nur ein Hollywood. Das müsste man vielleicht etwas konzentrieren. Aber immerhin, dort gibt es überall eine Art Lobby, die versucht, Politik zu beeinflussen. Für das Ballett ist es sehr viel schwieriger! Wenn es nicht bestimmte Persönlichkeiten gäbe, die zum Teil heute auch hier sind, dann sähen die Chancen noch schlechter aus. Es ist nicht eine gleich starke Lobby wie bei Film, Theater und Oper, dafür mag es traditionelle und andere Gründe geben. Ich meine, das Ballett braucht eine stärkere Lobby.
Dass es so schwer ist, nur einen solchen Preis jährlich zu realisieren, zeigt deutlich, dass wir hier eine stärkere Lobby brauchen. Und wenn Bund, Länder und Kommunen nun einmal in der Situation sind, in der sie sind (ich will das nicht vertiefen, warum sie in der Situation sind, und ob und wie man das ändern könnte, das steht mir heute Abend nicht zu), müsste sich die Mäzenatenkultur, die Spendenkultur in Deutschland anders entwickeln. In anderen Ländern gibt es diesbezüglich eine ganz andere Tradition, an die wir unbedingt anknüpfen sollten.
Ich weiß nicht, wer da in der Bundesregierung wen geritten hatte, als sie kurzfristig auf die Idee gekommen waren, Spenden für gemeinnützige Zwecke künftig nicht mehr steuer-abzugsfähig zu gestalten, aber zum Glück ist das sofort wieder revidiert worden. Das wäre nun die absolute Katastrophe, dann ließe sich diesbezüglich nichts mehr finanzieren.
Aber, ich darf nicht vergessen: Wir haben ja auch sehr viele Reiche in unserer Gesellschaft. Wir haben nicht nur Millionäre, das ist ja schon eine kleine Selbstverständlichkeit, selbst als Kleinstschicht in Essen, wir haben sogar Milliardäre.
Sie wissen, dass nach Artikel 14 Grundgesetz Eigentum verpflichtet, es soll zugleich dem Allgemeinwohl dienen. Sie können sich vorstellen, Milliardäre müssen sich sicher Tag und Nacht einen Kopf machen, wie sie dem Allgemeinwohl dienen können mit ihrem Eigentum, denn sie sind ja alle Verfassungspatrioten. Mein Tipp wäre: Gebt auch endlich ‘mal eine ordentliche Summe dem Ballett, wir müssen das Mäzenatentum entwickeln in Deutschland, hier könnte man eine Menge machen.
Und Sie lieber Gregor Seyffert, haben wie kein anderer gezeigt, was wir verlören, wenn wir Ballett, wenn wir Tanz nicht in dem Maße förderten, wie es Ballett und Tanz verdient haben, gefördert zu werden. Sie haben durch die Art, wie Sie tanzen, geholfen, deutlich zu machen, was wir durch Vernachlässigung des Balletts verlieren könnten, was sich abbaute in unserer Gesellschaft. Schon das ist ein großes Verdienst von Ihnen.
Ich bin davon überzeugt, wenn wir endlich begriffen, vor allem all’ jene in der Politik, dass der letzte Zweck von Politik ein Mehr an Kultur und Bildung sein muss, dann hätten wir auf dieser Welt vielleicht auch deutlich weniger Kriege und deutlich mehr Kultur, einschließlich Tanz. Das wäre meines Erachtens eine große zivilisatorische Errungenschaft. Dazu haben Sie in der Art, wie Sie tanzen, wie Sie Artistik, Akrobatik, Ausdruck, Schauspiel in Ihrer Persönlichkeit vereinen, hier auf der Bühne wie auf anderen Bühnen dem Publikum darbieten, einen Beitrag geleistet. Auch, um bei Politikerinnen und Politikern das Verständnis dafür zu erhöhen, was der eigentliche, der letzte Sinn und Zweck von Politik sein muss, nämlich ein Mehr an Kultur. Dankeschön Gregor Seyffert.
