Deutscher Tanzpreis 2010
Georgette Tsinguirides
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Georgette Tsinguirides fand am 27. Fabruar 2010 im Aalto Theater Essen statt. Die Laudatio hielt Marcia Haydée (Direktorin des Ballet de Santiago de Chile ehem. Primaballerina und Direktorin des Stuttgarter Balletts ).
Der Text der Ehrenurkunde
In Anerkennung ihrer Verdienste um den Tanz in internationalem Maßstab zeichnet der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik e.V. gemeinsam mit dem Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland e.V. Georgette Tsinguirides mit dem Deutschen Tanzpreis 2010 aus.
Nach einer herausragenden Karriere als Tänzerin und Solistin des „Stuttgarter Balletts“ in den Nachkriegsjahren des vergangenen Jahrhunderts, erwählte John Cranko sie zur Tanz-Notatorin seiner Werke.
Basierend auf der internationalen Tanzschrift der »Benesh-Movement-Notation« verdanken wir ihr als Choreologin den Erhalt des choreographischen Schaffens des genialen John Cranko sowie vieler Werke bedeutender Choreographen wie Maurice Béjart, Marcia Haydée, Jirí Kylián und Kenneth McMillan.
Verliehen zu Essen am Samstag, dem 27. Februar 2010
Die Preisträgerin

Mit Georgette Tsinguirides kam ich das erste Mal in Kontakt, als ich 1969 bei John Cranko vortanzte. Ich erinnere mich, dass ich sie neben John, Alan Beale, Anne Woolliams, Dieter Gräfe und einigen anderen sitzen sah und mich fragte, wer dieser kleine schillernde Vogel wohl sein könnte. Die Antwort bekam ich am 4. Februar 1969, exakt einen Monat nach meiner Aufnahme beim »Stuttgarter Ballett«: Sie war Choreologin! Ich wusste, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, da ich gerade erst mein Studium an der »Royal Ballet School« in London abgeschlossen hatte, an der auch das Fach Choreologie gelehrt wurde. Allerdings muss ich gestehen, dass ich diesem Unterricht selten beiwohnte, denn als Eleve war ich ständig bei den Aufführungen der »Royal Ballet Company« eingesetzt. Wie dem auch sei, ich kannte die Grundlagen, die Geschichte und wusste, dass man ein Ballett anhand von »Hieroglyphen«, wie die meisten Leute die Tanzschrift wohl bezeichnen würden, einstudieren kann. Vielleicht war es eine Fügung des Schicksals, dass ich gleich am Tag meines Vortanzens Gelegenheit bekam, Georgette bei der Arbeit zu beobachten. Es waren damals derart viele Bewerber da, dass die Jungen erst am späten Nachmittag vorgelassen wurden. Ich verbrachte meine Zeit damit, mich immer wieder aufzuwärmen und neugierige Blicke in die Ballettsäle zu werfen. Und da sah ich Georgette, die gerade den Schluss von Crankos »L’Estro Armonico« einstudierte. Ich war sofort fasziniert! Die Choreographie war so aufwendig und komplex, so theatralisch und musikalisch! Georgette war angezogen wie eine Tänzerin, in Strumpfhosen und Trikot, wie sie es heute mit ihren über 80 Jahren übrigens immer noch ist, und gab den Tänzern an, was sie wo und an welcher Stelle der Musik tun sollten. Damals gab es noch keine Videos oder DVDs als Hilfsmittel. Georgette fungierte als kollektiver Datenspeicher der Compagnie. Die Ballette waren allesamt in ihrem Gedächtnis, in ihren Notizen und in ihren Scores aufgezeichnet. Selbstverständlich behalten viele Ballettmeister Vieles im Gedächtnis, aber wenn ein Stück lange nicht gespielt wurde, kommt es immer wieder vor, dass man jemanden braucht, der sagt, »es war so und so«.
Georgette ist länger in und mit der Compagnie verbunden als jeder andere. Als John Cranko 1961 die Compagnie übernahm, war Georgette Tänzerin, und es war Johns Idee, dass sie Choreologie studieren sollte. Heute ist Georgette weltweit bekannt als eine der »Gründungsmütter« der Choreologie. Sie hat die Ballette John Crankos überall auf der Welt einstudiert, in Skandinavien, England, Frankreich, Italien, Ostasien, Südamerika und in den USA. Georgette hat nicht nur die Ballette aufgeschrieben, sondern darüber hinaus die bekanntesten Werke wie »Romeo und Julia«, »Onegin« und »Der Widerspenstigen Zähmung« in ihrem Gedächtnis bewahrt. Diese Gabe ist etwas Besonderes, und besonders ist auch, dass sie oft dabei war, als die Ballette geschaffen wurden. Dadurch kann sie an die nächsten Generationen von Tänzern (in ihrem Fall sind das sehr, sehr viele) eine ganze Menge an zusätzlichen Informationen weitergeben. Sie vermittelt den Tänzern nicht nur Schritte und Figuren, sondern auch die Bedeutung und Intention, die damit ursprünglich verbunden waren. Durch präzises und gewissenhaftes Coaching gelingt es ihr immer wieder, die Tänzer dahin zu führen, die gewünschte Intention zu finden – und dies auf ganz individuelle Weise. All’ das tut Georgette mit einer Engelsgeduld, mit unvergleichlicher geistiger Wendigkeit, Intelligenz, mit Liebe und Respekt für die Sache und – das ist das Wichtigste – auch mit Liebe und Respekt für die Tänzer.
Auch ich habe von Georgette das Meiste des Cranko- und MacMillan-Repertoires gelernt. Was die Pas de deux betrifft, habe ich die Griffe und die meisten Hebungen zuerst mit ihr geübt. Sie war furchtlos und ist es immer noch. Damals war sie um die 50, heute ist Georgette über 80 und wird noch immer von den Tänzern durch die Luft gewirbelt. Es ist davon auszugehen, dass Georgette in der Ballettgeschichte von allen Frauen der Welt diejenige ist, die von den meisten Tänzern, in den verschiedensten Ländern und über den längsten Zeitraum hinweg in die Höhe gehoben wurde. Sie ist eine Meisterleistung der Natur und eine Naturgewalt, verpackt in einen zierlichen, feingliedrigen, kleinen Körper, der vermutlich aus einer Art Stahl, wenn nicht gar aus Titan besteht. Sie trägt nach wie vor kurze Röcke und Stöckelschuhe und hat immer noch die schönsten Beine der Ballettwelt. Sie geht nicht, so lange sie rennen kann. Sie nimmt immer zwei Stufen auf einmal (in Stöckelschuhen). Sie bewegt sich in geschmeidiger, eleganter und absolut koordinierter Art und Weise. Sie ist eine Meisterin im Flirten. Sie ist eine wundervolle, warme und herzliche Person und sie hat Tänzern unglaublich viel gegeben während der letzten sechzig Jahre. Georgette ist einzigartig, und alle hier beim »Stuttgarter Ballett« sind unglaublich stolz darauf, dass sie nun endlich den Preis bekommt, den sie verdient wie niemand sonst.
(Reid Anderson)
Die Laudatio von Marcia Haydée
Im Jahr 1961 war Georgette schon lange da, sie war Solotänzerin beim großen, berühmten russischen Ballettmeister und Choreographen Nicolas Beriozoff. Georgette war sehr fleißig. Sie hat viel Disziplin. Sie hat so viel Liebe für ihre Arbeit. Man hat gesehen, dass das Ballett ihr Gefährte war auf ihrem ganzen Weg, und das ist so noch heute. Georgette lebt für ihr Theater, für ihre Tänzer. John Cranko hat eine sehr gute Nase gehabt, Mädchen auszubilden. Er hat die richtigen Tänzer ausgewählt, er hat die richtigen Ballettmeister ausgewählt und er hat Recht gehabt, weil er hat Georgette zu seiner Choreologin ausgebildet. Georgette ging nach London und in einem Jahr hat sie das gelernt, wozu andere vielleicht zwei oder drei Jahre brauchten. Sie kam zurück nach Stuttgart, und sofort war sie jeden Tag bei John. Sie hat alles aufgeschrieben, aber nicht nur geschrieben. Sie hat auch gehört, was er sagte. Deswegen ist Georgette so besonders, weil sie geht irgendwo hin, um ein Ballett zu inszenieren, es sind aber nicht nur die Schritte, die sie zeigt: »John hat das gesagt, der John hat das gewollt«, oder sie erzählt kleine Geschichten – das macht Georgette so besonders.
Georgette war schon in der ganzen Welt, und die Tänzer, die lieben Georgette. Sie respektieren sie und haben auch Angst vor ihrer Strenge. Sie ist streng. Sie ist streng mit viel Liebe und viel Humor, weil Georgette ist sehr lustig und die Tänzer haben sehr viel Spaß mit ihr. Sie arbeiten sehr hart, aber die Augen haben sehr viel Spaß. In Santiago de Chile gibt es einen Berg, auf dem eine 20 Meter hohe Statue von der heiligen Maria steht. Und wenn ich zu meinen Tänzern in Chile sage: Georgette kommt, die Wirkung ist, als ob ich habe gesagt, morgen kommt die heilige Maria herunter und probiert mit euch. Und es sind nicht nur die Tänzer, es ist das ganze Theater, die Techniker, das Orchester, die Gewandabteilung, die freuen sich und die bereiten sich für auf den Moment vor, in dem die heilige Georgette in Chile landet.
Im Jahr 1992 hat das Santiago Ballett mich eingeladen, eine Choreographie zu machen, und weil ein Strawinsky-Abend geplant war, wollte ich »Feuervogel« machen, aber nicht ohne Georgette, weil Georgette kannte alle Tänzerinnen der Compagnie sehr gut, sie ist einen Monat lang bei mir geblieben in Santiago de Chile. Es ist klar, Georgette hat ein Lieblingshotel. Das Hotel »Carreras« hat sie geliebt. Und in diesem Hotel war die Reaktion genau so wie im Theater, wenn man wusste, dass Georgette kommt. Sie haben viel bewegt für Georgette, ja diese Frau sehr geliebt. Sie muss im neunten Stock wohnen und sie kannten alle Vorlieben von Georgette. Sie haben alle auf Georgette gewartet. Sie wussten, wenn sie kommt, kommt sie mit irgendjemand. Ich war dieser jemand. Aber das Wichtige war nicht ich, das war Georgette. Ein ganzes Hotel hat sich für sie bewegt.
Die Proben gingen sehr gut. Und dann kam ein Moment, ein Tag, an dem die Musik Strawinskys erklingt und alle Tänzer auf der Bühne sind. Da sind die großen Monster, die kleinen Monster, die Prinzessin, die Hauptprinzessin, die Katschei, der Prinz, der Feuervogel, alle zusammen. Georgette kam zu mir und fragte: Marcia was denkst Du, was willst Du für morgen? Sie wollte mir helfen, so dass zum Probenanfang ich genau wusste, was ich mache. Ich habe gesagt, Georgette, weißt Du was, ich sehe es wie Wellen, die großen Monster machen die große Welle und dann kommen die kleinen Monster und machen die kleine Welle, dann kommt ein Kreis, dann kommt der Feuervogel. Es ist alles in meinem Kopf, aber ich weiß nicht, wie das morgen mit den Tänzern läuft. Georgette war in meinem Zimmer. Ich hatte ein großes Zimmer, und nebenan hatte Georgette ihr Zimmer mit einer Tür dazwischen. Georgette ist aufgestanden, hat die Tür aufgemacht, die Musik so laut wie möglich aufgedreht und dann war sie in ihrem Zimmer und sagte »Marcia, jetzt kommen die großen Monster« und plötzlich jemand springt in mein Zimmer auf mein Bett und schmeißt sich auf den Boden und sagt, »Marcia, jetzt kommen die kleinen Monster«! Und wenn der Platz dann nicht reichte für sie, machte sie die Tür auf und der große Gang im Hotel – und der Gang war sehr lang, doppelt so lang wie das hier – und Georgette ging von einer Seite zur anderen Seite, probierte alle Möglichkeiten von Wellenmonster für mich. Und die Musik so laut! Und Georgette machte immer weiter und weiter und weiter. Falls ein Gast angerufen hat und sich beschwerte und sagt: wer bitteschön ist diese Frau da oben, sie springt im Gang herum, die Musik so laut … das Hotel hatte eine gute Antwort: »Das ist die heilige Georgette, sie arbeitet und sie können sie nicht stören.«
Georgette ist ein besonderer Mensch. Sie ist immer da, morgens, mittags, abends. Egal wie, wann, wo, sie ist da und sie bleibt da.
Aber so ist das Georgettelein, sie ist immer hilfsbereit, ist immer da, sie will nur das Beste tun. Ich kann nur sagen: Georgette, du musst weitermachen, gesund bleiben, weitermachen, und Reid und Dieter helfen Dir dabei, weiterzumachen. Und ich muss noch mal die »Heilige Georgette« nach Chile bringen. Der Tag, an dem du nicht mehr bist, wird ein ganz großes Loch in der Ballettwelt reißen. Für mich bist Du die »Heilige« in Chile, aber für mich bist Du auch die Georgette. Die Georgette und ich, wir lieben Champagner, unser Lieblingschampagner ist »Veuve clicquot« und bei Veuve clicquot gibt’s die ganz besondere »Grande Dame«. Georgette, Du bist die »Grande Dame« der Choreologie und du wirst immer die »Grande Dame« bleiben.
Sie können die Publikationen, die der Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik und der Verband zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland gemeinsam zu den Preisverleihungen herausgegeben haben, hier herunterladen. Es besteht auch die Möglichkeit, bei der Geschäftsstelle Originalbroschüren zu erwerben.
