Deutscher Tanzpreis 2000

 

Fritz Höver

Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Fritz Höver fand am 10. Juni 2000 im Aalto Theater Essen statt. Der Laudator war Wolfgang Gönnenwein.

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Die Laudatio

Meine Damen und Herren, liebe Anwesende, lieber Fritz Höver!

Was für ein Preis! Welche Liste von Preisträgern! Welches Eigengewicht hat diese Auszeichnung! Welche Besetzungsliste diese Gala – und welche Beziehung hat der Ausgezeichnete zu jedem dieser Namen! Das sagt alles über einen Träger des Deutschen Tanzpreises. Auf eine Weise.

Wie aber fügt sich der neue Preisträger in die formidable Liste der Choreographen, der Tänzer, der Pädagogen und der Publizisten? Wird hier schöpferischer Geist ausgezeichnet, Könnerschaft oder Vermittlung? Ich meine: von allem etwas.

Lieber Fritz Höver – was ist Kunst?

Was war Hövers Kunststück? Jedenfalls etwas, was es vorher noch nicht gab. Und in Stuttgart, dessen Name heute so nahtlos mit dem Wort Ballett zusammenpasst, in diesem Stuttgart war in den fünfziger Jahren, was Tanzkunst betrifft: nichts, ja, weniger als nichts, nämlich Widerwillen. Zwei Namen sind mit dem schöpferischen Neuanfang besonders verbunden: Walter Erich Schäfer und John Cranko. Das weiß man. Und ein dritter, auf seine Weise: Fritz Höver.

Bei seinem ersten Arbeitsaufenthalt in Stuttgart fand John Cranko Unterkunft im Hause eines Mannes, wie er selbst in den Dreißigern, der sich ebenfalls dem Ballett verschrieben hatte – wenn auch vor denkbar unterschiedlichem Hintergrund, in völlig anderer Ausprägung.

Seine Biografie, die Zeitläufte hatten Fritz Höver aus dem Rheinland über Darmstadt und Karlsruhe bis nach Stuttgart geführt, sie hatten ihm Theater und Ballett von einiger Qualität nahegebracht, hatten in ihm den heißen Wunsch geweckt, Theater, Tanz selbst zu betreiben und ihn doch durch Krieg und Kriegsverletzung daran gehindert; sie hatten für ein eher zufälliges – fachlich zufälliges - Studium gesorgt und dann dafür, dass er den entsprechenden Beruf nicht ausüben konnte; aber sie hatten ihn mit gewisser finanzieller Unabhängigkeit ausgestattet und mit einem Impuls, dem er über Jahrzehnte folgte und den er mit nie erlahmender Kraft weitergab.

Als Cranko 1960 seinen tollkühnen Schritt von London in die Ballett-Diaspora von Stuttgart tat, hatte Höver seine ersten Schritte schon längst getan. Die Reaktionen auf die ersten spärlichen Ballettaktivitäten im Staatstheater waren lau bis ablehnend gewesen. Fritz Höver, der schon enge Kontakte zum Ballett geknüpft hatte, entschloss sich, der Publikumsmisere aufzuhelfen, und gründete 1958 mit Crankos Wegbereiter Beriozoff die „Noverre-Gesellschaft – Freunde des Balletts".

Braucht der Tänzer ein Publikum? Braucht er gar ein verständiges Publikum? – Braucht die Blume Humus?

Rückblickend wissen wir: Nicht nur Crankos Genie und Charisma, nicht nur Schäfers hellsichtige Förderung, sondern auch das kongeniale Publikum war nötig, um das Tanztheater in Stuttgart in andere Sphären zu katapultieren. – Es ist wahr, auch in Stuttgart muss das Ballettpublikum keine Prüfung ablegen, auch in Stuttgart gibt es Publikum, das sich voraussetzungslos berühren lässt vom Geschehen auf der Bühne, und auch in Stuttgart changieren Kunst und Gesellschaft. Aber: Ein Publikum ist nun einmal ein Organismus aus Jublern und Zweiflern, aus Gelegenheitszuschauern und Getreuen, aus tief Berührten und locker Verknüpften.

Ein Ensemble kann sich nicht frei-schwebend entwickeln, es will aufgehoben sein in der kulturellen Szene einer Stadt, angenommen von der Gesellschaft, es bedarf eben der Liebhaber, die Kenner sind, der Begeisterung, die auf Unterscheidungsfähigkeit beruht, es braucht den Widerhall, die Inspiration, eben das Korrektiv eines engagierten Publikums.

Fritz Höver wusste das schon damals. Und die Ballettdirektoren und ihre Tänzer wussten es auch. Sie zögerten nicht, sich beim Proben und Trainieren zuschauen zu lassen, den Liebhabern, die Kenner werden wollten, ihre Kunst immer wieder und in immer neuem Licht nahezubringen, ihr Metier nach allen Regeln der Kunst zu analysieren und zu demonstrieren. Diese Abende waren nicht nur Mittel zu dem Zweck, ein „sachkundiges und treues" Publikum heranzubilden, nein, sie wurden selbst über vierzig Jahre zum Ereignis - zu Fritz Hövers Ereignis.

Mit Cranko zog die Ballettwelt in Stuttgart ein, und Stuttgart wurde Teil dieser Ballettwelt. Von Anfang an gehörte zu Hövers pädagogischem Ansatz auch, ein Schritt weiter: den Horizont erweitern. Dazu musste man – über Gastspiele der anderen in Stuttgart hinaus – raus aus Stuttgart, und sollte es nur dazu führen, nach der Rückkehr die eigene Truppe um so höher zu schätzen und um so inniger zu lieben. So begleitete man die eigene Kompanie nach New York und Moskau, und so sah man andere Kompanien in den Balletthauptstädten der Welt, auf der Bühne und im Probensaal. Der unermüdliche Netzwerkadministrator Fritz Höver knüpfte unentwegt an seinem Ballett-Internet und brachte seinen Noverre-Gesellschaftern die Ballettwelt nahe – nicht ohne sie zu ermahnen, auch die anderen Künste nicht zu vernachlässigen.

Das ist viel – aber eben nur die Hälfte dessen, was sich mit Fritz Höver und der Noverre-Gesellschaft verbindet.

Schon ein Jahr nach Crankos Antritt, der Höver gewiss maßgeblich mit zu verdanken ist, hatte sich die Noverre-Gesellschaft von der Ballettvolkshochschule zur Choreografenbrutstätte gemausert. Ja, Choreographen muss man ausbrüten, die werden nicht einfach geboren, die brauchen das Nest einer Kompanie und wärmendes Vertrauen. Sie brauchen die Bühne, sie brauchen die Tänzer, das Publikum, den Anreiz, und sie brauchen den Mut derer, die mit ihnen diesen Schritt ins kalte Wasser mit allem Risiko tun.

Dass die legendären „Matineen junger Choreographen“ seit 1961 auch von Seiten des Stuttgarter Balletts nur zu gerne mitgetragen wurden, braucht keine Erklärung: Nichts wünschen sich Tänzer mehr als Bühnenzeit, Auftritte und künstlerische Herausforderungen.

Und es bedarf wirklich nicht mehr vieler Worte, um die Karätigkeit dieser Institution zu fassen: Wenn Sie heute einem Choreografen oder Ballettdirektor der allerersten Garde begegnen, dann ist die Chance gut, dass er seine ersten, seine allerersten Schritte für Fritz Hövers Matinee choreografiert hat. So einfach ist das!

So einfach ist es auch wieder nicht. Warum gab es eigentlich vor Höver so gut wie nichts Vergleichbares, und warum gibt es heute international wenig, und wenn, dann am Vorbild der Noverre-Gesellschaft orientiert? Vielleicht geht es einfach nicht ohne einen Menschen, der eine Mission hat, eine einzige Mission, der er treu bleibt von früh bis spät im Leben, mit Hingabe und Begeisterung, ohne Wenn und Aber. Vielleicht geht es nicht ohne solch einen Fixstern im Ballettuniversum, um den viele kreisen, auf den sich andere verlassen können, was auch geschieht, eine zentrale Figur, die doch die schöpferischen Gestalten um sich wahrnimmt mit menschlicher und künstlerischer Sensibilität. Vielleicht geht es nicht ohne einen Mann der Tat, aber auch des Witzes, der Herzlichkeit und der Freundschaft, einen, der seine Berufung gefunden hat, ja , sein Glück, in diesem Förderimpuls, der Liebe zum Ballett.

Und in Stuttgart kann man sich jetzt beruhigt zurücklehnen? Kann man natürlich nicht. Das kann man in keinem Metier weniger als im Tanz und in den anderen Künsten. Erstarrung droht überall, wo Dinge, wo Menschen sich nicht mehr bewegen – aber wenig lebt so von der Prozesshaftigkeit – wir erleben diesen heutigen Abend – wie die Ballettkultur. Kaum irgendwo verlangen Entwicklungen so nach Langfristigkeit und Beharrlichkeit. Selten ist so offensichtlich geistige und physische Präsenz gefordert, haben Scharlatanerie und grundlose Eitelkeit so wenig Chancen wie auf der Ballettbühne.

Und das ist auch eine Antwort auf die ständig akute Frage nach der Aktualität des Tanztheaters, eine Antwort, hier von Essen aus, die wir gerne auch dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, dem Kulturpolitiker Diepgen ins Stammbuch eintragen möchten, wo bei ihm steht, Zitat: „Wir wollen nicht mehr abgetanzte, abgelatschte Künstler durchfüttern" - eine Formulierung der Künstler-Verachtung, die freilich das Zeug zum Klassiker hat. Ganz in der Nähe von Ludwig Erhards Wort vom Dichter als „Pinscher".

Aber, meine Damen und Herren, ich glaube, auch das können wir heute nach Berlin sagen: Jeder Fehltritt im Künstlerischen, jeder Fehltritt im Tänzerischen, jeder Fehltritt im Politischen hat immer noch eine Chance der Wiedergutmachung.

Was ein Leben für das Ballett bringen kann – dafür steht heute Fritz Höver. Und was bringt Ballett für das Leben? Das gewachsene Verständnis für Körpersprache, die Wandlung im öffentlichen Körperbewusstsein, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat, ist auch eine Befreiung: Die Ballettwelt spiegelt sie nicht nur wider – sie hat erheblich dazu beigetragen. Auch so ist das Tanztheater eine Kultur, die in unsere Zeit passt — als Symbol und als Gegenentwurf, als Korrektiv.

Was verkörpert besser das Leistungsbewusstsein unserer Zeit als Tänzer: ihr Aufwand an Zeit, Kraft und Überwindung, ihre Mobilität, ihre Kompromisslosigkeit, ihre Eigenverantwortung, ihre Hingabe?

Auch den Gegenentwurf vermittelt uns das Tanztheater mit aller Intensität: Körperhaftigkeit, wo uns die Eindimensionalität der digitalen Medien prägt, wirkliche Sinnlichkeit statt Virtualität und Sterilität, das unverwechselbare Erlebnis, nicht unpersönliche Events, die Gemeinsamkeit des Erlebens, nicht die autistische Abschottung. Diese Gegenvision zu fördern, wäre konservative Kulturpolitik im besten, im ziemlich selten gewordenen Sinne. Konservativ nicht im Sinne romantisierender, restaurativer Verklärung, sondern als Korrektiv gedankenloser Verpackungseuphorie in der Kultur und in den Medien.

Für Fritz Höver und alle, denen er diese Welt des Tanztheaters nähergebracht hat, ist das keine Vision mehr. Es ist, lieber Fritz Höver, für uns alle ein Stück Wirklichkeit geworden.